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Resistenzbildung

Antibiotika-Einsatz bei Covid-19 sollte nicht die Regel sein

Experten sorgen sich, dass ausgerechnet die von einem Virus ausgelöste Pandemie die Resistenzentwicklung bei Bakterien befeuern könnte. Denn es bekommt oder bekam wohl ein großer Teil der Covid-19-Patienten Antibiotika – teils reflexhaft, wie Kritiker sagen.
PZ
dpa
24.02.2021  14:15 Uhr

Eigentlich liegt es auf der Hand: «Covid-19 ist eine reine Virusinfektion, da machen Antibiotika keinen Sinn», stellt Professor Dr. Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitäts-Klinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), klar. Der Koordinator der jetzt aktualisierten Behandlungsempfehlungen für hospitalisierte Covid-19-Patienten verweist auch auf Nebenwirkungen und Kosten.

Die Gründe, aus denen die Mittel dennoch eingesetzt werden, sind vielschichtig. Ein Anwendungsfall sind schwer an Covid-19 erkrankte Menschen, die intensivmedizinisch versorgt werden. «Wenn ein Patient länger auf der Intensivstation liegt, mehrere Wochen zum Beispiel, dann hat er in der Regel auch Antibiotika bekommen», erläutert Kluge. Hier geht es nicht darum, Covid-19 zu begrenzen: Während der Behandlung auf der Intensivstation träten oftmals bakterielle Infektionen über Schläuche und Katheter auf, so Kluge.

Das Regionalbüro Europa der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellte im November 2020 und mit Blick auf neun europäische Länder und Regionen fest: Es gebe Hinweise, dass bis zu 15 Prozent der schwer betroffenen Covid-19-Patienten eine bakterielle Koinfektion entwickeln und Antibiotika benötigen könnten, «während 75 Prozent diese tatsächlich erhalten».

Antibiotika zur Vorsorge und rechtlichen Absicherung

Solche Diskrepanzen könnten mit Schwierigkeiten bei der Diagnostik zu tun haben. Bei schwersten Lungenentzündungen lasse sich oftmals nicht klären, welche Erreger im Spiel sind, schildert Dr. Tim Eckmanns, der am Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin das Fachgebiet für Krankenhausinfektionen, Überwachung von Antibiotikaresistenzen und -verbrauch leitet. Um Leben zu retten, werden Antibiotika somit auch in der Hoffnung verabreicht, mutmaßlich auch vorhandene Bakterien zu bekämpfen.

Antibiotika kommen aber nicht nur zum Einsatz, wenn es um Leben und Tod geht. Professor Dr. Jörg Janne Vehreschild koordiniert an der Uniklinik Köln das europäische Fallregister Leoss, in dem bisher rund 7000 vollständige Datensätze zur Behandlung von Covid-19-Patienten dokumentiert sind. Demnach erhielt mehr als jeder Vierte (28 Prozent) der erfassten nicht-sauerstoffpflichtigen Patienten diese Arzneimittel. Vehreschild sagt, es gehe teils um relativ fitte, ambulante Patienten.

Und von den Patienten, die mit Sauerstoff versorgt werden müssen, bekämen nach seinen Daten sogar 80 Prozent Antibiotika. «Ich glaube, wir setzen in der Pandemie viel zu viel Antibiotika ein», meint Vehreschild. Neben der Gefahr der Resistenzentwicklung befürchtet er auch schädliche Folgen für Patienten, unter anderem weil Antibiotika die Immunfunktion schwächten. Frühere Studien hätten gezeigt, dass sie den Verlauf von Virusinfektionen sogar verschlimmern können, das sei auch bei Covid-19 nicht auszuschließen.

Es ist ein Dilemma: «Zum Antibiotikum greift man bei Atemwegsinfektionen leider relativ schnell, weil sich bei bakteriellen Infekten auch eine Sepsis (Blutvergiftung) entwickeln kann», berichtet Kluge. Angesetzt seien die Mittel schnell, aber das Absetzen falle schwer und sei die eigentliche Kunst.

Verschrieben würden die Mittel aus unterschiedlichen Gründen: Ein vorsorglich ausgestelltes Rezept könne rechtlich eine Absicherung sein, sollte es später doch Komplikationen geben, erklärt er. Experten betonten, dass auch die Patienten mit der Erwartung an die Verschreibung zum Arzt gehen. Teils wird so ein Mittel wohl auch schon verschrieben, bevor das PCR-Testergebnis vorliegt. Die WHO berichtete, dass Menschen es auch einnahmen, weil sie fälschlicherweise glaubten, damit einer Coronavirus-Infektion vorzubeugen.

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