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Psychische Belastung 

Anspannung durch Coronakrise kann krank machen

Ob allein, zu zweit oder als Familie: Das Corona-Virus fesselt viele an ihr Zuhause und strapaziert die Nerven. Experten warnen vor möglichen psychischen Folgen und geben hilfreiche Tipps im Umgang mit den Herausforderungen.
dpa
PZ
30.03.2020  10:00 Uhr

Der Ruheforscher Hans-Günter Weeß warnt vor krankmachender Anspannung durch die Corona-Krise. »Bleiben Sie über Telefon und neue Medien in ausreichendem Austausch mit Freunden und Angehörigen, denn soziale Kontakte wirken sich entspannend aus«, rät der Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums im rheinland-pfälzischen Klingenmünster.

Viele würden die Corona-Krise als Situation erleben, in der sie sich noch nicht befunden haben. »Dieser gesellschaftliche Ausnahmezustand geht nicht spurlos an den Menschen vorüber. Das Coronavirus ist zwar eine körperliche Erkrankung. Aber viele Menschen haben große Nöte um Gesundheit, Job, Angehörige und Freunde. Diese Sorgen können zu einer psychischen Belastung und zu Schlafstörungen führen«, sagt der Buchautor (»Schlaf wirkt Wunder«). 

Doch gerade in der aktuellen Situation sei ausreichender Schlaf bedeutsam, denn »Schlaf ist das wichtigste Regenerations- und Reparaturprogramm des Menschen.« Besonders in den Gesundheitsberufen sei es wichtig, zwischen Schichten auf sich zu achten und für ausreichend Ruhe zu sorgen.

»Wem es gelingt, trotz der Herausforderungen durch das Coronavirus gelassen zu bleiben, erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine entspannte Nacht«, betonte Weeß. Für guten Schlaf könne hilfreich sein, sich Belastendes von der Seele zu reden oder zu schreiben. »Tauschen Sie sich mit dem Partner oder mit Freunden am Telefon aus oder schreiben Sie Ihre Sorgen und Nöte auf ein Blatt Papier oder in ein Tagebuch.«

Stresstest für Jedermann

Auch der Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie der TU Chemnitz, Stephan Mühlig macht deutlich: »Es ist eine noch nie da gewesene und für die meisten völlig ungewohnte Ausnahmesituation.« Die Corona-bedingte häusliche Isolation durch Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote stellt Familien, Paare und Singles vor sehr unterschiedliche Herausforderungen. »Es ist ein Stresstest für viele Beziehungen und Familien«, so Mühlig. Das Wichtigste sei: Ruhe bewahren. Sonst drohe schnell eine psychische Belastung, die man als »Lagerkoller« kenne.

Eine längere Isolation berge das Risiko für psychische Schäden, erklärt der Wissenschaftler unter Verweis auf frühere Epidemien oder die jüngsten Erfahrungen in China. »Dort hat sich gezeigt, dass die monatelange Ausgangssperre zu sozialem Stress führt, wenn Menschen über längere Zeit zusammen in ihrer Wohnung eingesperrt sind.« Die Folgen: Unruhe, Traumatisierung, Depressionen,Schlafstörungen oder Panikattacken.

»Das ist wahrscheinlich in unseren Genen, wir wehren uns gegen zu große Enge.« Wie stark der Stress werde, hänge von Art und Qualität der Beziehungen zwischen den Menschen sowie Toleranz und Umgang mit solche Situationen ab. In Beziehungen beispielsweise könne die Isolation schon bestehende Konflikte verschärfen, die dann eskalieren.

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