| Theo Dingermann |
| 17.08.2026 16:20 Uhr |
Die Logik hinter dem neuen Eingriff ist nachvollziehbar: den Abtransport schädlicher Stoffwechselprodukte aus dem Gehirn verbessern. Ob das wirklich funktioniert, ist noch nicht in Studien bewiesen worden. / © Getty Images/Richard Drury
In einem News Feature des Wissenschaftsjournals »Nature« berichtet die Wissenschaftsjournalistin Elie Dolgin über kontroverse Diskussionen über chirurgische Eingriffe bei Alzheimer-Patienten mit scheinbar spektakulären Effekten. Der Fachbegriff lautet »Deep Cervical Lymphatic-Venous Anastomosis (dcLVA)«. Dabei werden Lymphgefäße im Hals an benachbarte Venen angeschlossen, um den Abtransport von Stoffwechselprodukten aus dem Gehirn zu verbessern, die das glymphatische System (das Lymphsystem des Gehirns) eingesammelt hat.
Ausgelöst wurde die weltweite Aufmerksamkeit durch spektakuläre Videos einzelner Patienten aus China, die kurz nach dem Eingriff eine scheinbar dramatische Verbesserung ihrer kognitiven und motorischen Fähigkeiten zeigten. Angesichts der bislang begrenzten Evidenz mahnen Experten allerdings zu wissenschaftlicher Zurückhaltung.
Die theoretische Grundlage der Operation beruht auf Erkenntnissen der vergangenen Jahre über das meningeale Lymphsystem und das glymphatische Reinigungssystem des Gehirns. Demnach könnten Störungen des lymphatischen Abflusses die Ansammlung neurotoxischer Proteine wie Amyloid-β und τ begünstigen.
Die von dem chinesischen Mikrochirurgen Qingping Xie entwickelte Operation soll den Lymphabfluss verbessern und damit den Abtransport dieser Proteine fördern. Auslöser für die Entwicklung war zunächst eine Beobachtung bei einer Patientin mit Tinnitus, bevor Xie den Eingriff erstmals 2020 bei einem Alzheimer-Patienten durchführte.
Nach der Veröffentlichung erster Fallberichte verbreitete sich die Methode in China rasant. Hunderte Kliniken boten den Eingriff an, begleitet von intensiver Vermarktung in sozialen Medien und hohen Erwartungen betroffener Familien. Tausende Patienten unterzogen sich der kostenintensiven Operation, obwohl belastbare klinische Daten fehlten. Die chinesischen Gesundheitsbehörden schränkten daraufhin den Einsatz der Methode ein und erlauben sie inzwischen nur noch im Rahmen genehmigter klinischer Studien.
Die bisher publizierten Studien liefern ein widersprüchliches Bild. Mehrere kleine Untersuchungen mit insgesamt einigen Hundert Patienten berichten über moderate Verbesserungen kognitiver Testwerte sowie sinkende Konzentrationen von Amyloid-β und τ im Liquor. Einzelne Patienten zeigen außergewöhnlich starke klinische Verbesserungen, die sich jedoch bislang nicht konsistent reproduzieren lassen.
Bildgebende Verfahren deuten auf Veränderungen funktioneller Hirnnetzwerke und eine verbesserte zerebrale Drainage hin, erlauben jedoch keine Aussage darüber, ob tatsächlich der Krankheitsverlauf beeinflusst wird. Zudem berichten Kliniker, dass mögliche Verbesserungen häufig nur vorübergehend seien und innerhalb eines Jahres wieder nachließen.
Besonders kontrovers wird diskutiert, dass manche Patienten bereits wenige Tage nach der Operation deutliche klinische Veränderungen zeigen. Zahlreiche Wissenschaftler halten einen derart raschen Effekt auf die Alzheimer-Pathologie für biologisch schwer erklärbar.
Als alternative Mechanismen werden eine kurzfristige Druckentlastung, eine verbesserte Entfernung entzündlicher Mediatoren oder ein schnellerer Abtransport löslicher Proteinformen diskutiert. Ein belastbarer Wirkmechanismus konnte bislang jedoch nicht nachgewiesen werden. Auch die operative Technik selbst variiert erheblich zwischen den Zentren, was zusätzliche Unsicherheiten hinsichtlich Standardisierung und Reproduzierbarkeit schafft.
Die internationale Forschung reagiert inzwischen mit kontrollierten Studien. In China laufen mehrere randomisierte Untersuchungen mit bis zu 376 Teilnehmern, teilweise einschließlich Scheinoperationen zur Kontrolle möglicher Placeboeffekte. Parallel wurden Studien in den USA, Europa sowie einigen asiatischen Ländern gestartet. Ziel ist es, Sicherheit, Wirksamkeit, geeignete Patientengruppen und mögliche Biomarker für ein Therapieansprechen systematisch zu evaluieren.
Ungeachtet des wissenschaftlichen Interesses bleibt die Methode innerhalb der Alzheimer-Forschung umstritten. Führende Demenzexperten weisen darauf hin, dass die Evidenz derzeit weit hinter der Datenlage etablierter medikamentöser Therapien zurückbleibt (auch wenn diese bislang nur moderate Erfolge verzeichnen können).
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält der Fall durch die ungeklärte Inhaftierung des Entwicklers Qingping Xie in China, deren Hintergründe bislang offiziell nicht erläutert wurden. Gleichzeitig berichten einzelne Operateure weiterhin über eindrucksvolle Behandlungserfolge, die ihre Skepsis in vorsichtigen Optimismus verwandelt haben.
Ob die dcLVA tatsächlich eine neue therapeutische Option gegen Alzheimer darstellt oder lediglich außergewöhnliche Einzelfälle hervorbringt, werden erst die laufenden randomisierten Studien zeigen.