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Versorgung kleiner Wunden

Alles im Kasten

Aufgeschürfte Knie nach dem Sturz vom Fahrrad, ein infizierter Mückenstich oder eine Schnittwunde durch eine Scherbe am Strand: Solche Blessuren der Haut stehen bei Kindern quasi auf der Tagesordnung. Welche Utensilien zur Wundversorgung gehören in den (mobilen) Verbandskasten?
Elke Wolf
13.05.2019
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Die Erstversorgung ist abhängig von der Art der Wunde. So muss nicht jedes Malheur an der Haut desinfiziert werden. Saubere, glatte Schnittwunden etwa neigen dazu, stark zu bluten. Dadurch reinigen sie sich durch Ausschwemmen der Keime bis zu einem gewissen Grad selbst. Anders ist die Situation bei Schürfwunden, sie sind in der Regel eher infektionsgefährdet. Zwar sind sie meist weniger tief, dafür aber großflächiger. Da sie nur wenig bluten, bleibt die körpereigene Wundreinigung aus. Mitunter sind sie mit Schotter oder Sand versehen, was die Reinigung schwieriger und die Desinfektion zu einer wichtigen Maßnahme für den Heilungsprozess macht.

Eine saubere, nicht infizierte Wunde ist oberstes Therapieziel bei der Wundversorgung, da Infektionen den physiologischen Heilungsprozess hemmen und unschöne Narben mit sich bringen können. Deshalb kommt nach der Reinigung mit fließendem Wasser ein Antiseptikum zum Einsatz. Wirkstoffe der ersten Wahl sind Octenidin (wie Octenisept®) und Polihexanid (wie Lavasept®, Lavanid® Wundgel, Serasept®).

Polihexanid-Zubereitungen können auch als Rezeptur in Form einer wässrigen Lösung, eines Hydrogels oder einer Macrogolsalbe hergestellt werden (NRF-Vorschriften 11.128, 11.131 und 11.137). Beide Antiseptika haben ein breites Wirkspektrum gegen grampositive und -negative Bakterien, Mykobakterien und Pilze und zeigen bislang keine Resistenzen gegen typische Wundkeime. Sehr positiv empfinden die Patienten die schmerzfreie Anwendung der farblosen Wirkstoffe. Auch Allergien treten selten auf. Ein Vorteil von Octenidin ist die kurze Einwirkzeit von zwei Minuten, Polihexanid braucht dagegen 15 Minuten.

Bei Octenidin gilt zu beachten: Als Wund- und Schleimhautantiseptikum ist Octenidin nur zur oberflächlichen Anwendung bestimmt und soll mittels Tupfer oder Aufsprühen aufgetragene werden. Es darf nicht mit einer Spritze in tiefere Gewebeschichten eingebracht werden, denn der Kontakt tiefer Wunden mit Octenidin birgt das Risiko schwerer toxischer Gewebeschäden. Darauf weisen die Hersteller in Fach- und Gebrauchsinformationen sowie mehreren Rote-Hand-Briefen hin. In einigen Fällen haben solche Spülungen vor allem bei Kindern zu bleibenden Schäden und Funktionseinschränkungen geführt.

Povidon-Iod/PVP-Iod (wie Betaisodona®, Polysept®) gilt als zweite Wahl unter den Antiseptika. Aufgrund der guten Verträglichkeit auf Haut und Schleimhaut, dem breiten Wirkspektrum und der guten Resistenzlage wird es immer noch häufig zur Desinfektion chronischer Wunden eingesetzt. Allerdings wird Povidon-Iod durch Blut und Eiter inaktiviert, sodass es für blutende und eitrige Wunden nicht geeignet ist. Außerdem ist die perkutane Iod-Resorption bei Allergien, Schilddrüsenerkrankungen und Schwangeren problematisch.

Bei der Anwendung ist Folgendes zu beachten: Die rötlich-braune Farbe des enthaltenen Iods kann Textilien verfärben; deshalb ist die Wunde gut mit einer Wundauflage abzudecken. Dazu keine silberhaltigen Verbände wählen, da sich durch die Bildung von Silberiodid die Wirkung gegenseitig abschwächt.

Obsoletes – Beständiges

Das früher oft verwendete 3-prozentige Wasserstoffperoxid wird heute nicht mehr empfohlen, da es durch Peroxidasen und Katalasen im Blut inaktiviert wird und deshalb nur unzureichend über seine Fähigkeit der Eiweißfällung wirken kann. Zudem weist es eine hohe Gewebetoxizität auf. Ebenso obsolet aufgrund ihres langsamen Wirkungseintritts und dem eingeschränkten Wirkspektrum sind Ethacridinlactat, Gentianaviolett und Kaliumpermanganat. Teebaumöl, Extrakte aus Ringelblumen oder Honig haben schon wegen des erhöhten Allergierisikos auf offenenWunden nichts zu suchen.

Lokalantibiotika werden zur Desinfektion von unkomplizierten Wunden wegen des Resistenzrisikos nicht empfohlen. Das einzige Lokalantibiotikum, das für die Selbstmedikation kleiner, oberflächlicher Kratz-, Riss- und Schürfwunden mit bakterieller Superinfektion und Verbrennungen ersten Grades zugelassen ist, ist Tyrothricin (wie Tyrosur® Gel). Bislang sind weder Resistenzen noch Kreuzresistenzen bekannt. Das antimikrobielle Peptid auf Hydrogelbasis wird zwei- bis dreimal täglich aufgetragen und bei Bedarf mit einer geeigneten Wundauflage abgedeckt. Ist nach einer Woche keine Besserung eingetreten, ist ein Arztbesuch zu empfehlen.

Tyrothricin ist im Gegensatz zu den meisten rezeptpflichtigen Lokalantibiotika gut verträglich, hat ein sehr niedriges Sensibilisierungspotenzial und kann schon bei Säuglingen angewandt werden. Tyrothricin wirkt schnell antibakteriell, wodurch die körpereigene Wundheilung beschleunigt wird. Ein Effekt, den andere Wundcremes nicht leisten können.

Besser atmungsaktiv

Um die Wunde vor Umwelteinflüssen zu schützen und um den Heilungsprozess anzukurbeln, empfehlen sich sogenannte hydroaktive, also wasserregulierende (»atmungsaktive«) Wundauflagen, die nach dem Prinzip der feuchten Wundheilung arbeiten. Diese gibt es sowohl in fester Form als Pflaster als auch in Form von Gelen. Für die Versorgung von Alltagswunden empfehlen sich Hydrokolloidgele oder -pflaster (wie Fenistil® Wundheilgel, Bepanthen® antiseptische Wundcreme, Medigel® schnelle Wundheilung, Brand und Wundgel Medice, Octenisept® Wundgel, Repithel® Wundgel), da sie die Fähigkeit haben, sowohl Flüssigkeit zu absorbieren (Hydrokolloid-Effekt) als auch zu spenden (Hydrogel-Effekt). Der luft- und feuchtigkeitsdurchlässige Gelfilm schützt, ohne den selbstreinigenden Abfluss des Wundsekretes zu beeinflussen.

Hydrokolloid-Pflaster enthalten quellfähige, hydrophile Substanzen wie Carboxymethylcellulose, Pektin oder Gelatine, die in eine hydrophobe Matrix eingebettet sind. Beim Kontakt mit der feuchten Wunde saugen die Hydrokolloide das Wundsekret auf. Dadurch quellen sie und bilden ein Gel, welches die Wunde auskleidet und feucht hält. Das Pflaster verbleibt mehrere Tage auf der Wunde und muss erst erneuert werden, wenn sich die sogenannte Gelblase dem Pflasterrand nähert. Diese zeigt an, dass die Hydrokolloide kein Sekret mehr aufnehmen können.

Nicht geeignet für das akute Stadium sind fettreiche Salben etwa mit Povidon-Iod oder Dexpanthenol. Unter den fetthaltigen Salbengrundlagen können sich feuchte Kammern bilden, was Infektionen begünstigt. Oft sind auch Hilfsstoffe mit hohem Sensibilisierungspotenzial eingearbeitet, wie weiße Vaseline, Wollwachs und/oder Cetylstearylalkohol. Dexpanthenolhaltige Salben (wie Bepanthen®) kommen dann zum Einsatz, wenn der Wundverschluss bereits eingesetzt hat. Das macht das Gewebe an den Wundrändern elastisch.

Das ist zu tun

• Wunde unter fließendem Leitungswasser ausspülen, ohne mit dem Wasserstrahl Druck auszuüben. Das ist besonders bei Brandwunden wichtig. Unterwegs hilft Wasser ohne Kohlensäure aus der Flasche.

• Fremdkörper mit einer Pinzette entfernen.

• Falls nötig Wunde desinfizieren.

Blutung stillen:

• Wunde mit einer sterilen Kompresse oder einem Wundschnellverband abdecken.

• Stark blutende Wunden mit Kompressen abdecken, mit einer Mullbinde fixieren. Eventuell einen Druckverband anlegen.

• Betroffenes Körperteil hochlegen.

Wann zum Arzt?

• bei Wunden, deren Blutungen schlecht zu stillen sind

• bei stark verunreinigten Wunden

• bei Wunden mit größeren, tiefer gehenden Defekten

• Platzwunden

• Biss- und Kratzwunden von Tieren (eventuell Tollwutgefahr)

• bei Kreislaufbeschwerden

• Tetanusschutz überprüfen

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