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Versorgung mangelhaft

Allergie-Alarm

Die Allergieforschung hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte sowohl für die Diagnostik als auch für die spezialisierte Immuntherapie gebracht. Doch die Besserungen kommen bei den Patienten nicht an; nur ein Bruchteil wird adäquat behandelt, dokumentiert das druckfrische Weißbuch Allergie. Über die Gründe für diese Diskrepanz sprach die Pharmazeutische Zeitung mit einem der Herausgeber der aktuellen Bestandsaufnahme, Professor Dr. Ludger Klimek.
Elke Wolf
14.02.2019
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Es gibt immer mehr Allergiker in Deutschland. Das zeigt die Neuauflage des Weißbuches Allergie ganz deutlich. Zwischen 30 bis 40 Prozent der Einwohner in Deutschland haben mittlerweile eine allergische Erkrankung. Dabei sind es meist eine allergische Rhinitis, Asthma bronchiale oder Neurodermitis, die für gesundheitliche Beeinträchtigungen sorgen, das Gros der Fälle durch Pollen induziert. Mehr als Dreiviertel der Allergiker, schätzungsweise etwa 13 Millionen Menschen, macht eine pollenbedingte Rhinokonjunktivitis zu schaffen, belegen die unabhängigen Daten des Robert-Koch-Instituts, die dem Weißbuch zugrunde liegen.

Mittlerweile ist unter den Jugendlichen fast jeder Zweite allergisch sensibilisiert, hat also ein erhöhtes Risiko für eine Allergie. Aktuell leidet mehr als jedes sechste Kind, das sind 16,1 Prozent, an mindestens einer der drei Erkrankungen. 10 Prozent davon haben einen Heuschnupfen, weitere 4 Prozent ein Asthma. Das Risiko für einen Etagenwechsel vom Heuschnupfen zum Asthma ist nachweislich unabhängig von einer genetischen Vorbelastung und ist besonders dann erhöht, wenn Kinder bereits im Vor- bis Grundschulalter an Heuschnupfen erkranken.

»Während man noch vor 30 Jahren Allergien als Krankheiten von Kindern und Jugendlichen einordnete und allergische Erkrankungen bei Menschen über 50 Jahren seltener beobachtete, sind heute zunehmend auch ältere Patienten jenseits des 70. Lebensjahres von klassischen allergischen Erkrankungen wie Heuschnupfen oder Neurodermitis betroffen«, informiert Klimek über einen Wandel in der Altersstruktur allergischer Beschwerden. Wie erklärt man sich, dass das Alter nicht mehr vor Allergien schützt?

Pollen werden aggressiver

Der Experte vom Zentrum für Rhinologie und Allergologie in Wiesbaden nennt zwei Gründe: »Um eine Allergie überhaupt bekommen zu können, muss man ein Immunsystem haben, das entsprechend aktiv genug ist und überreagieren können muss. Das heißt, dass Patienten jenseits der 65 ein aktives Immunsystem haben müssen, wenn sie allergisch reagieren. Das Immunsystem der heute 70-Jährigen ist nicht vergleichbar mit dem Immunsystem gleichaltriger Senioren von vor 30 Jahren.« Aber auch gewisse Umwelteinflüsse spielten eine Rolle. »Die Umweltbedingungen haben sich generell so verändert, dass heute Allergien – egal ob bei jungen oder älteren Menschen – leichter entstehen können«, erklärt der Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen.

Es ist in der Tat nicht nur die globale Temperaturerhöhung, auf die Pflanzen reagieren. Auch die gestiegene Schadstoffbelastung der Luft lässt die Blütezeit von Pflanzen nicht unbeeinflusst. So gilt als belegt, dass in Städten die Zunahme an Pollen stärker ausgeprägt ist als in ländlichen Gebieten. Nach Berechnungen von Wissenschaftlern vom Zentrum Allergie und Umwelt der Technischen Universität München haben Schadstoff behaftete Pollen ein höheres allergisierendes Potenzial als Birkenpollen, die von Bäumen auf einer Wiese abseits von Verkehr gesammelt werden.

Feinstaub, vor allem Dieselrußpartikel, spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Über polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe heften sich die winzigen Partikel an die Pollenoberfläche und induzieren die Produktion von pollenassoziierten Lipidmediatoren (PALM). Auf der Schleimhaut etwa in der Nase setzen die Pollen neben den Allergenen auch PALM frei. Das verstärkt die Produktion von IgE-Antikörpern um ein Vielfaches. Je mehr polyaromatische Kohlenwasserstoffe sich auf der Pollenoberfläche befinden, desto stärker fällt die entzündliche Reaktion aus. Berechnungen gehen davon aus, dass Birkenpollen durch Feinstaub zwei- bis dreimal aggressiver werden.

Später, schwerer, komplexer

Neben der Zunahme an Patienten hat sich das Krankheitsbild verändert. »Wir beobachten heute schwerere Erkrankungsformen und komplexere Krankheitsverläufe, was auch der Tatsache geschuldet ist, dass immer mehr Betroffene nicht nur auf ein, sondern auf verschiedenste Allergene reagieren«, informiert Klimek. So haben rund ein Drittel aller Pollenallergiker gleichzeitig eine Milbenallergie. Kreuzallergien zu Nahrungsmitteln treten mit der Erkrankungsdauer oft nach und nach schleichend hinzu und belasten den Alltag.

Besonders die Zuwachsraten beim allergischen Asthma sind auffällig, wobei es vor allem die Erwachsenen sind, bei denen die Erkrankungszahlen steigen. Experten wie Klimek führen diese Entwicklung vor allem auf einen nicht oder nur ungenügend behandelten Heuschnupfen zurück. »Werden die Beschwerden an Auge und Nase nicht ernst genommen, kommt es in 40 Prozent der Fälle zu einem Etagenwechsel Richtung Bronchien. Das kann aber eine rechtzeitig einsetzende Hyposensibilisierung in deutlich mehr als der Hälfte der Fälle verhindern. Die Erfolgsquoten sind umso besser, je früher man damit beginnt.«

Hier liegt aber die Crux: »Nur rund zehn Prozent der allergischen Patienten erhalten derzeit eine adäquate Therapie, zeigt uns etwa eine Studie der wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland. Und so müssen meine Mitautoren und ich 18 Jahre nach Erscheinen der ersten Auflage des Weißbuchs feststellen, dass sich zwar die allergischen Erkrankungen weiter ausgebreitet haben und immer komplexer verlaufen, sich aber trotz enormer Forschungserkenntnisse in der Struktur der Versorgung nichts Wesentliches zugunsten der Betroffenen verändert hat. Die Therapiefortschritte kommen einfach nicht beim Patienten an«, umreißt Klimek die Situation.

Heuschnupfen nicht bagatellisieren

In der Periodizität der Beschwerden und der Trivialisierung des Krankheitsbildes sieht Klimek entscheidende Gründe für den stockenden Informationsfluss hin zum Patienten. »Viele nehmen eine Allergie nicht als Erkrankung ernst, selbst wenn sie darunter leiden.« Schon die Bezeichnung »Heuschnupfen« bagatellisiere das Beschwerdebild. »Viele haben ihre Beschwerden sechs bis acht Wochen im Jahr. Dann holen sie sich ihre Medikamente in der Apotheke. Ist die Pollensaison vorüber, haben sie die Beschwerden vergessen, bis es im nächsten Jahr wieder losgeht. Dass die Allergie eine chronisch entzündliche Erkrankung ist und was daraus erwachsen kann, wissen die meisten nicht. Das Risiko eines Etagenwechsels wird somit in Kauf genommen.«

In der Information und der Beratung hinsichtlich einer effektiven Behandlung sieht Klimek deshalb die wichtigste Aufgabe des Apothekers. »Bei der Abgabe von Antiallergika sollte der Apotheker aufklärend tätig sein. Er sollte darauf hinweisen, dass Antihistaminika und Steroide lediglich eine Sofortmaßnahme darstellen, die kurzfristig schnell hilft. Er sollte aber auch auf die Gefahr eines Etagenwechsels und die längerfristige Möglichkeit einer Hyposensibilisierung hinweisen, um die Allergie ursächlich zu behandeln.« Beide Behandlungsstrategien seien keine Frage der Alternative, sondern sollten logisch aufeinanderfolgen.

Als Gründe für die schlechte Versorgungssituation in Deutschland sieht Klimek auch deutliche Mängel im Medizinstudium. Denn trotz der steigenden Zahl der Allergiker ist die Allergologie weder ein Pflicht- noch ein Prüfungsfach im Medizinstudium. Das hat zur Folge, dass entsprechende Lehrstühle in Deutschland nicht vorhanden sind und die großen Fortschritte der Allergieforschung nicht weiter getragen werden können.

Große Sorge macht den Autoren auch die von den Ärztekammern jüngst beschlossene, drastische Reduktion der Anforderungen zum Erwerb des Zusatztitels Allergologie für Ärzte. Denn für eine angemessene medizinische Versorgung solcher Patienten sind gut ausgebildete Allergiespezialisten Grundvoraussetzung.

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