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Das Impfstoffparadox

Abflachende Infektionsrate bremst die Impfstoffentwicklung

Optimistische Schätzungen gehen bisher davon aus, dass Ende des Jahres erste Impfstoffe zugelassen sein könnten. Allerdings mehren sich die Befürchtungen, dass dieser Zeitrahmen kaum einzuhalten ist, wenn die Zahl der Neuinfektionen weiter so abnimmt, wie dies zumindest in Europa der Fall ist. Dann wird es immer schwieriger, große klinische Impfstudien aufzusetzen, die in einem vernünftigen Zeitraum Resultate liefern.

Tatsächlich nehmen die Vorreiter bei der Entwicklung von Impfstoffen gegen SARS-CoV-2, das Konsortium der Universität Oxford, AstraZeneca und dem Serum Institute of India sowie das amerikanische Unternehmen Moderna, durchaus mit Sorge wahr, dass die natürliche Infektionsrate dort, wo derzeit ihre klinischen Studien laufen, deutlich abnimmt. Einer der führenden Forscher aus dem Konsortium der Universität Oxford äußerte sich jüngst gegenüber der Zeitung »The Telegraph«, dass die nächste Stufe der Studien nur eine 50-prozentige Erfolgschance habe, da »das Virus in Großbritannien verschwindet«.

Kein neues Problem

Erfahrungen mit diesem »Paradoxon der Impfstoffentwicklung« wurden auch schon früher gemacht. Im Jahr 2015 war es die Zika-Epidemie, die den dringenden Ruf nach einem Impfstoff laut werden ließ. Auch in diesem Fall flachte die Epidemie ab, bevor Impfstoffstudien abgeschlossen werden konnten. Bis heute gibt es immer noch keinen zugelassenen Impfstoff gegen das Zika-Virus.

Hinsichtlich der Impfstoffentwicklung im Rahmen der Coronavirus-Pandemie denken Verantwortliche jetzt bereits über alternative Wege nach, um die Forschung zügig voranzutreiben, damit bis zum nächsten Jahr ein Impfstoff zur Verfügung steht.

Eine Möglichkeit besteht darin, die Studien an pandemischen Hotspots wie Brasilien und Indien durchzuführen, wo noch steigende Infektionszahlen gemeldet werden. Dann sollten allerdings auch diese Länder bevorzugt mit Impfstoff versorgt werden, was sicherlich viele Firmen so nicht planen.

Eine andere Möglichkeit wäre es, tatsächlich sogenannte »Challenge-Studien« in Erwägung zu ziehen. In diesem Fall wird mindestens ein Teil der Studienteilnehmer nach der Immunisierung aktiv immunisiert. Natürlich müssen die Freiwilligen, die an einer solchen Studie teilnehmen, dem Verfahren zustimmen. Und dennoch ist dieser Ansatz ethischer äußerst umstritten.

In einem solchen Fall könnte die Zahl der Studienteilnehmer allerdings von mehr als 10.000 auf weniger als 500 sinken und damit das Tempo der Forschung dramatisch beschleunigen. Um Todesfälle zu vermeiden, würden nur gesunde Erwachsene ohne medizinische Grunderkrankungen in die Studie aufgenommen werden.

Bisher ist nicht bekannt, ob Impfstoffentwickler »Challenge-Studien« tatsächlich ernsthaft in Erwägung ziehen. Von dem Konsortium der Universität Oxford, AstraZeneca und dem Serum Institute of India hört man, dass man eine solche Option erst dann ernsthaft in Betracht ziehen werde, wenn wirksamere Medikamente zur Behandlungen von Covid-19 zur Verfügung stünden, um den freiwilligen Studienteilnehmern eine gewisse Sicherheit zusichern zu können. Eine Zusicherung, auf »Challenge-Studien« zu verzichten, klingt anders.

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