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Homöopathie-Debatte: Placebo-Effekte besser nutzen

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«Placebo-nahe» Interventionen wie Homöopathie, Akupunktur und manche naturheilkundlichen Ansätze müssen in der Medizin und Pharmazie integriert bleiben. Das fordert Winfried Rief, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Marburg, der über Placebo- und Nocebo-Effekte forscht, in einem Gastbeitrag in der «Süddeutschen Zeitung». Der Artikel ist eine Reaktion auf den Beitrag von Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin an der University of Exeter in England, der knapp zwei Wochen zuvor gefordert hatte, Homöopathie müsse aus den Apotheken verschwinden.

«Placebo-Behandlungen können hoch effektiv und langfristig wirksam sein», hält der Psychologie-Professor Rief dagegen. «Positive Erwartungen bei Patienten und Ärzten, aber auch positive und negative frühere Erfahrungen mit Behandlungen oder allein schon der ärztliche Kontakt tragen zum Behandlungsergebnis bei.» Studien zeigen, dass sich nicht nur subjektive Parameter wie Schmerzen oder depressive Stimmungen unter Placebo-Therapie verbessern, sondern auch objektive Messwerte  wie die Immunaktivität, neuronale Übertragungsprozesse oder die Ausschüttung von Hormonen.

«Der heutigen Medizin sind diese Effekte nichts wert», kritisiert Rief. Nur der vermeintlich ausschließlich auf das Medikament rückführbare Zusatzeffekt zähle. Damit missachte die Medizin wissenschaftlich belegte Wirkfaktoren und überlasse sie der Homöopathie und anderen Alternativtherapien, so der Forscher. «Eine Medizin der Zukunft muss aber auf alle Wirkfaktoren setzen, nicht nur auf den oft nicht so großen Unterschied zwischen Placebo und echter Behandlung.»

Wie minimal die Unterschiede zwischen Placebo und Wirkstoff liegen können, erläutert er am Beispiel der Antidepressiva. Anfang des Jahres hatte eine große Metaanalyse die Wirksamkeit belegt, allerdings waren die Effekte gegenüber Placebo eher gering. Vor dem Hintergrund oft auftretender Nebenwirkungen sowie unklarer Kenntnisse über Langzeiteffekte der Antidepressiva, fordert Rief eine neue Vor- und Nachteilsabwägung im Einzelfall.

Rief zufolge müsse eine Therapie ohne wissenschaftlich nachgewiesenen Wirkmechanismus bevorzugt werden, wenn der klinische Behandlungserfolg da ist oder gar besser ist als unter Standardmedikamenten und weniger Nebenwirkungen auftreten, wie bei der Akupunktur bei chronischen Schmerzen, selbst wenn die klassische Akupunktur nicht besser abschneiden sollte als Placebo-Akupunktur.

Wie bereits aus mehreren Studien bekannt ist, können Placebos auch wirken, wenn der Patient weiß, dass das Medikament keinen Wirkstoff enthält. «Es ist nicht nur der Glaube, sondern ein komplexes biologisches und psychologisches Reaktionsmuster, das zu Placebo-Heilungen beiträgt», so Rief. «Wurden positive Erfahrungen mit Schmerzmedikamenten gemacht, reicht bereits der Akt der Einnahme, damit Sekunden später eine Schmerzreduktion erlebt wird – lange bevor das Medikament an den Synapsen wirkt.» Habe sich der Körper das Reaktionsmuster angeeignet, könne bereits eine deutlich unterdosierte Medikamentengabe oder gar eine Placebo-Gabe Besserung auslösen. (dh)

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23.08.2018 l PZ

Foto: Fotolia/Ludovic LAN