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Homöopathika raus aus der Apotheke?

22.08.2018
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Von Daniela Hüttemann / Zahlreiche wissenschaftlich gut ­gemachte Arbeiten haben gezeigt, dass die Wirkung von homöopathischen Arzneimitteln nicht über die von Placebo hinausgeht. Ein renommierter Homöopathie-Kritiker fordert daher, sie nicht mehr in der Apotheke zu verkaufen.

»Homöopathie ist reine Placebotherapie und hat in Apotheken eigentlich schon lange nichts mehr zu suchen«, schrieb der Mediziner Dr. Edzard Ernst kürzlich in einem Meinungsbeitrag in der »Süddeutschen Zeitung«. Ernst ist emeritierter Professor für Alternativ­medizin an der University of Exeter in England und hat als junger Arzt selbst homöopathisch gearbeitet, bis ihm Zweifel kamen und er über Wirksamkeit und Sicherheit alternativer Heil­methoden zu forschen begann.

In Deutschland erfreuen sich alternative Therapien weiter großer Beliebtheit. Den Einwand, Homöopathie helfe vielen Menschen und Apotheker befriedigten lediglich diesen Bedarf, lässt Ernst nicht gelten. Als Heilberufler seien Apotheker ethischen Grundsätzen verpflichtet. »Als grundlegende Werte gelten hier das Wohlergehen des Menschen, das Verbot zu schaden und das Prinzip der Menschenwürde«, schreibt Ernst. Diese bestimmten, dass Apotheker im Interesse ihrer Kunden handeln, ehrlichen und zuverlässigen Rat geben und fachlich kompetent sein müssen.

 

Zwar hätten die Kunden das Recht, sich das zu kaufen, was sie wollen. Der Apotheker müsse aber ehrlich und verständlich die Evidenz zur Homöopathie erläutern und auf Präparate mit erwiesener Wirkung hinweisen. »Tut er das in angemessener Weise, so ist es wahrscheinlich, dass viele Kunden seinem Rat folgend kein Homöopathikum kaufen«, glaubt Ernst.

 

In Deutschland sind derzeit mehr als 5000 verschiedene Homöopathika ­registriert. Ernst zitiert Zahlen, nach ­denen hierzulande 2017 mehr als 50 Millionen Packungen verkauft wurden. Diese breite Akzeptanz sei verblüffend, denn die Homöopathie »ist weder plausibel, noch ist ihre Wirksamkeit belegt«, fasst Ernst die Studienlage zusammen.

 

Angemessen beraten

 

Einer im März veröffentlichten Untersuchung zufolge, die auf Testkäufen in 100 Apotheken beruht, beraten nur die wenigsten Apotheken wissenschaftlich angemessen, wenn es um homöo­pathische Präparate geht. Im Rahmen eines Beratungsgesprächs zu Erkältungen seien die Testkäuferinnen nur in 5 von 100 Fällen auf den fehlenden Wirksamkeitsnachweis hingewiesen worden, berichtet ein Team um den ­Soziologen und Psychologen Professor Dr. Tilmann Betsch von der Universität Erfurt in der Zeitschrift »Skeptiker«, herausgegeben von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften.

 

In 30 Prozent aller Beratungsgespräche sei dagegen behauptet worden, dass die Wirkung von Homöopathie entweder in Studien nachgewiesen sei oder sich aus dem Erfahrungswissen ergebe. Dies widerspreche den Leitlinien der Bundesapothekerkammer, wonach die Beurteilung der Wirksamkeit von Präparaten nach pharmakologisch-toxikologischen Kriterien erfolgen soll. Auf der anderen Seite habe die große Mehrheit der Apotheken zu schulmedizinischen Präparaten geraten. Nur 14 von 100 Apotheken nannten Homöopathika als Erstempfehlung. /

Bei Krebs sogar schädlich

Von Annette Mende / Homöopathie und andere komplementäre Heil­methoden können bei Krebs ergänzend zur Schulmedizin angewandt werden, sollten diese jedoch nicht ersetzen. Tun sie es doch, ist das mit einer verkürzten Lebenserwartung des Patienten verbunden.

 

Das hat eine Untersuchung von Forschern um Dr. Skyler B. Johnson von der Yale School of Medicine in New Haven gezeigt (»JAMA Oncology« 2018, DOI: 10.1001/jamaoncol.2018.2487). Die retro­spektive Analyse der Daten von 1290 Krebspatienten ergab, dass Teilnehmer, die neben der Schul- auch die Komplementärmedizin nutzten, verglichen mit rein schulmedizinisch behandelten Teilnehmern häufiger bestimmte Interventionen wie Bestrahlung, Operation, Chemo- oder Hormontherapie ablehnten. Dies war mit einer schlechteren Fünf-Jahres-Überlebensrate verbunden (82,2 versus 86,6 Prozent). Berücksichtigten die Forscher in ihrem Modell die Verzögerung oder Verweigerung bestimmter Interventionen, ergab sich kein Unterschied beim Fünf-Jahres-Überleben. Nicht die Komplementärmedizin an sich hatte somit ihren Nutzern geschadet, sondern deren Ablehnung gegenüber der Schulmedizin. Eine Untersuchung derselben ­Arbeitsgruppe zur Alternativmedizin, also alternativen Heilmethoden, die nicht ergänzend zu, sondern anstelle von einer etablierten Therapie genutzt wurden, war kürzlich zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. /

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