Statine: Schlechte Presse nicht verdient |

Zum Senken des LDL-Cholesterolspiegels sind Statine etablierte und effiziente Substanzen. Sie haben aber eine schlechte Presse, wie Professor Dr. Dietmar Trenk vom Universitäts-Herzzentrum in Bad Krozingen beim Pharmacon in Meran berichtete. So werde immer wieder in Artikeln mit Überschriften wie «Die Fettlüge» infrage gestellt, dass Low-Density-Lipoproteine (LDL) an der Pathogenese von kardiovaskulären Erkrankungen ursächlich beteiligt ist. «LDL-Cholesterol ist ein Risikofaktor trotz anderslautender Berichte», so Trenk. Ein Beleg für den Zusammenhang sind vor allem Mutationen, die zu stark erhöhten LDL-Spiegeln führen. Bei Trägern dieser Mutationen, die also eine familiäre Hypercholesterolämie aufweisen, sind Herzinfarkte schon in der Kindheit möglich.
Durch Medienberichte über unerwünschte Arzneimittelwirkungen der Statine könne die Adhärenz der Patienten leiden, erklärte der Mediziner. So gebe es keine Hinweise darauf, dass Statine das Krebsrisiko erhöhen. Allerdings heben sie das Diabetesrisiko geringfügig an. «Hier herrscht Aufklärungsbedarf», so der Mediziner. Zu den schwerwiegenden, aber seltenen Nebenwirkungen der Statin-Therapie gehören die Myopathien, die durch Muskelschmerzen und -schwäche charakterisiert sind. Muskelbeschwerden werden von Patienten viel häufiger beklagt, als die aus Studien ermittelte Häufigkeit der Myopathien vermuten lässt. «Hier könnte ein Nocebo-Effekt dahinter stecken», so Trenk. Darauf weist auch eine aktuelle Analyse im Fachjournal «The Lancet» hin. Dies erfordert eine feinfühlige Beratung. Trenk: «Wir müssen dringend die Adhärenz steigern.»
Die Behandlungsrealität in Deutschland sei insgesamt schockierend. Nur 11 Prozent der Patienten mit sehr hohem kardiovaskulären Risiko erreichten den Zielwert von unter 70 mg LDL/dl. Als vergleichsweise neue Therapieoption stehen die PCSK9-Hemmer Alirocumab und Evolocumab seit 2015 zur Verfügung. Diese reduzieren den LDL-Spiegel erheblich, wie unter anderem die im Fachjournal «JAMA» veröffentlichte Glagov-Studie zeigt. Hier erreichte die Probandengruppe, die eine Kombination aus Evolocumab und einem Statin erhielt im Durchschnitt eine LDL-Wert von 36 mg/dl. In der Kontrollgruppe (nur Statin) lag der Wert bei 93 mg/dl. Enttäuschend sei allerdings, dass bisher kein Effekt der PCSK9-Hemmer-Therapie auf die Mortalität gezeigt werden konnte, so Trenk. Dies hänge vermutlich mit den kurzen Untersuchungszeiträumen der Studien zusammen.
Wegen der fehlenden Daten und nicht zuletzt auch wegen der hohen Therapiekosten hat der G-BA die Erstattungsfähigkeit eingeschränkt, sodass ausschließlich Patienten mit homozygoter familiärer Hypercholesterolämie und Patienten mit therapierefraktären sehr hohen LDL-Spiegeln diese Wirkstoffe erhalten dürfen. (ch)
DOI: 10.1016/S0140-6736(17)31075-9 (Studie zum Nocebo-Effekt)
DOI: 10.1001/jama.2016.16951 (Glagov-Studie)
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24.05.2017 l PZ
Foto: PZ/Alois Müller