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Unabhängige Patientenberatung

Zweifel an Neutralität

Die Unabhängige Patientenberatung galt als Vorzeige-Institution. Doch jetzt melden sich renommierte Mitglieder zu Wort: Seit dem Verkauf an ein industrienahes Unternehmen im August nehme die Qualität der Informationen massiv ab, bemängeln sie. Die Politik ist alarmiert.
Anna Pannen
04.10.2018
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Für Patienten auf der Suche nach seriösen, unabhängigen Informationen war sie oft ein Rettungsanker: Bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) fanden sie gut recherchierte Informationen zu Krankheiten und Behandlungsmethoden. Hier konnten sie sich kostenlos und unabhängig von Fachleuten beraten lassen, etwa zu Rechtstreitigkeiten mit Arztpraxen oder vermuteten Behandlungsfehlern.


Doch mit der Unabhängigkeit könnte es vorbei sein. Schon seit 2016 wird die UPD nicht länger von gemeinnützigen Verbänden verwaltet, sondern gehört dem privaten Dienstleistungsunternehmen Sanvartis. Die Firma betreibt Callcenter, die vor allem für Krankenkassen und pharmazeutische Unternehmen arbeiten. Sanvartis versprach zwar nach dem Kauf, die Unabhängigkeit der UPD durch Gründung einer GmbH zu wahren.


Nun kam heraus: Im August 2018 hat sich Sanvartis mit dem Schweizer Pharma-Jobvermittlungsportal Careforce zu einem Hedgefonds zusammengeschlossen, ohne diesen Schritt öffentlich zu machen. Für eine Gruppe von Wissenschaftlern aus dem Beirat der UPD ist das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. In einem Brandbrief an den Patientenbeauftragten der Bundesregierung, aus dem ARD und »Süddeutsche Zeitung« (SZ) vergangene Woche zitierten, warnen sie vor den Folgen für die UPD.

Kein wissenschaftlicher Standard

Schon jetzt entsprächen die auf der Website veröffentlichten Informationen für Patienten keinerlei wissenschaftlichem Standard mehr, kritisieren die Experten. Wer dort nach einer Behandlungsmethode suche, stoße auf Inhalte, die sachlich falsch seien und Patienten »in die Irre führen«, zitiert die SZ aus dem Brief. Die Leser würden nicht ausreichend über Nutzen und Schaden von Behandlungen aufgeklärt, die Texte entsprächen weder sprachlich noch inhaltlich gutem medizinischem Standard, einige seien geradezu naiv. »Es sieht aus, als hätte ein Praktikant die Informationen verfasst», zitiert die SZ Beirats-Mitglied Professor Ingrid Mühlhauser. Professor Jürgen Windeler, seinerseits Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, nennt das Problem noch deutlicher beim Namen: »Man könnte auf die Idee kommen, dass der Inhalt den Angaben der Hersteller entspricht«.


Die UPD selbst hat sich noch nicht offiziell zu den Vorwürfen geäußert, erklärte aber gegenüber der SZ, sie nehme die Hinweise ernst. Das Thema ist so brisant, dass auch der Gesundheitsausschuss im Bundestag sich vergangene Woche damit befasste. Der Parlamentarische Staatssekretär am Gesundheitsministerium, Thomas Gebhart (CDU), erklärte dort zwar, es gebe keine Hinweise darauf, dass die Neutralität der Beratung unter dem Eigentümerwechsel gelitten habe. Dennoch werde sie derzeit evaluiert. Die Opposition sieht dagegen schon jetzt Belege für einen Verlust an Unabhängigkeit. So seien die Ausgaben der UPD für Softwarelizenzen über Gebühr gestiegen. Die SPD-Patientenbeauftragte Martina Stamm-Fibich erklärte, der heimliche Deal mit Careforce schwäche das Vertrauen in die Unabhängigkeit der UPD. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sprach sogar davon, dass nur ein »kompletter Neuanfang« dieses Vertrauen wiederherstellen könne.


Die UPD war 2006 mit dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz geschaffen worden. Sie wird von den Krankenkassen und den privaten Krankenversicherern jährlich mit 5,2 Millionen Euro finanziert. /

Foto: Shutterstock/SeventyFour

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