| Annette Rößler |
| 06.11.2026 18:00 Uhr |
Eine ruhige, reizarme Umgebung mit wenig Licht, Lärm und Gerüchen: Das ist es, was viele Migränepatienten sich während eines Anfalls wünschen. / © Getty Images/brizmaker
»Kopfschmerz verhält sich zu Migräne wie ein Kanarienvogel zu einem Monster-Truck.« Mit diesem Vergleich versucht der Ich-Erzähler in Marc-Uwe Klings Buch »Das Känguru-Manifest«, seinen Gesprächspartnern anschaulich zu machen, wie sich eine Migräneattacke anfühlt. Viele Patienten mit Migräne empfinden es als besonders belastend, dass die starken Kopfschmerzen während eines Anfalls oft von Übelkeit und Erbrechen sowie einer Überempfindlichkeit für Licht, Lärm und Gerüche begleitet werden. Dabei stelle sich aus medizinischer Sicht die Frage, ob die Hypersensitivität Trigger, Begleiterscheinung oder Symptom der Chronifizierung einer Migräne ist, sagte Professor Dr. Gudrun Goßrau-Solimena kürzlich beim Schmerzkongress in Mannheim.
Nacheinander ging die Leiterin der Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Dresden auf die einzelnen Sinnesreize ein. Zunächst das Licht: Hier komme es auf die Wellenlänge an. So habe eine 2016 im Fachjournal »Brain« erschienene Arbeit gezeigt, dass grünes Licht (Wellenlänge 530 ± 10 nm) von Migränepatienten am besten vertragen wird (DOI: 10.1093/brain/aww119). Die Erklärung der Expertin: Grünes Licht führe verglichen mit Licht anderer Wellenlängen zu einer geringeren Aktivierung von Nervenbahnen, die von der Retina über den Thalamus in die Großhirnrinde ziehen.
Diese Nervenbahnen seien der Grund dafür, dass Licht überhaupt den Migränekopfschmerz beeinflusst, denn sie liefen im Thalamus mit trigeminovaskulären Signalen zusammen (»Nature Neuroscience« 2010, DOI: 10.1038/nn.2475). »Licht kann trigeminovaskuläre Schmerzsignale bereits auf der Ebene des Thalamus verstärken«, verdeutlichte Goßrau-Solimena. Am stärksten wirke dabei blaues Licht (447 ± 10 nm), am schwächsten grünes.
In einer 2023 publizierten Studie hätten Forschende daher untersucht, ob spezielle Brillen, die die blauen Frequenzen des Lichts herausfiltern, Grünlicht jedoch durchlassen, bei einer Migräneattacke hilfreich sind (»Journal of Clinical Neuroscience, DOI: 10.1016/j.jocn.2023.04.015). Die Studie habe jedoch ihren primären Endpunkt verfehlt, obwohl einige sekundäre Endpunkte Vorteile durch die Spektralbrille andeuteten. Als praxisnähere Alternative zu einer solchen Brille könne man lichtempfindlichen Migränepatienten raten, am Computer- und Handybildschirm den Blaulichtfilter einzuschalten.
Zum Riechsystem sagte die Referentin, dieses sei anatomisch eng mit dem trigeminalen System verbunden; Geruchsreize lösten daher sowohl peripher als auch zentral trigeminale Reize aus. Insofern verwundert es nicht, dass eine Geruchsempfindlichkeit bei Migräne häufig vorkommt. Laut einer Übersichtsarbeit aus dem vergangenen Jahr ist knapp die Hälfte der Patienten betroffen, Frauen häufiger als Männer (»World Journal of Otorhinolaryngology – Head and Neck Surgery«, DOI: 10.1002/wjo2.70069). 40 Prozent der Patienten gaben an, dass Gerüche bei ihnen einen Migräneanfall triggern können. Eine Osmophobie erhöht zudem die Wahrscheinlichkeit, dass auch eine Photophobie vorliegt. »Eine sensorische Hypersensibilität kommt selten allein«, sagte Goßrau-Solimena.
»Wenn man diese Zahlen sieht, kann man sich fragen, ob das Geruchsvermögen von Patienten mit Migräne vielleicht einfach besser ist als das von Menschen ohne Migräne. Dieser Frage sind wir in unserer Arbeitsgruppe nachgegangen.« Die Ergebnisse der noch nicht publizierten Untersuchung von je 23 Migränepatientinnen und Kontrollen: Die Patientinnen hatten sogar eine schlechtere Geruchswahrnehmung als die Gesunden, insbesondere dann, wenn sie an einer Migräne mit Aura litten. Bei Kindern mit Migräne sei das jedoch nicht so, berichtete die Neurologin. »Offensichtlich passiert da etwas im Laufe der Zeit.«
Zum Thema Migräne und Gehör erschien erst kürzlich ein Reviewartikel im »Journal of Neurology« (DOI: 10.1007/s00415-026-13957-0). Demnach sind verschiedene Hörstörungen mit Migräne assoziiert, darunter neben der bekannten Überempfindlichkeit für Geräusche (Hyperakusis) auch Tinnitus und Beeinträchtigungen des Gehörs. »Infolge der Aktivierung des Trigeminusnervs bei Migräne kommt es zur Freisetzung von proinflammatorischen Mediatoren und zu einer verstärkten Durchblutung der Cochlea«, erklärte Goßrau-Solimena. Die resultierende Neuroinflammation kann einerseits die Geräuschwahrnehmung sowie die emotionale Reaktion auf Geräusche beeinflussen und andererseits auch zu einer Schädigung der Haarzellen im Innenohr führen.
»Insgesamt ist eine sensorische Hypersensibilität mehr als ein Begleitsymptom der Migräne«, fasste die Medizinerin zusammen. Die Empfindlichkeit für Licht, Geruch und/oder Lärm sei bei vielen Patienten während eines Anfalls erhöht, bei einigen auch zwischen den Attacken, und beruhe auf einer veränderten zentralen sensorischen Verarbeitung. Hier könnte sich theoretisch ein Angriffspunkt für eine Pharmakotherapie bieten, doch bislang gebe es dazu noch keine Evidenz.