| Barbara Döring |
| 17.07.2026 13:00 Uhr |
Die Mitglieder des LAV Baden-Württemberg nahmen den Haushaltsplan 2026/27 mit einer Enthaltung und ohne Gegenstimme an. / © LAV Baden-Württemberg
»Es gibt Momente, in denen sich entscheidet, ob ein Land verstanden hat, worauf seine Zukunft wirklich beruht«, sagte Tatjana Zambo, LAV-Präsidentin, in ihrer Eröffnungsrede. Nur wenige Tage, nachdem Bundestag und Bundesrat die Apothekenreform verabschiedet hatten, traf sich der LAV zur Mitgliederversammlung.
Die Apothekerschaft habe lange gekämpft und jede Gelegenheit genutzt, um mit den Abgeordneten des Deutschen Bundestags zu sprechen und ihre Forderungen vorzutragen. Am Ende stehe eine Reform, die nicht nur eine Erhöhung des Fixums mit sich bringe, sondern aufzeige, welchen Stellenwert öffentliche Apotheken in Deutschland künftig haben werde.
Zambo bewertete die Apothekenreform optimistisch, erinnerte jedoch zunächst an die vergangenen 13 Jahre, die für die Apotheken außerordentlich belastend waren. Viele Betriebe hielten dem Druck nicht mehr Stand und mussten schließen oder fanden keine Nachfolger. Der politische Stillstand war laut Zambo ein Zeichen, dass die Leistungen der öffentlichen Apotheken lange als selbstverständlich hingenommen worden waren.
Sie zollte allen Kollegen und Kolleginnen großen Respekt, die unter dieser Last nicht aufgaben. Viele hätten weiter investiert, ihre Mitarbeiter gehalten und nicht nur für die eigene Bilanz, sondern für die Menschen Verantwortung übernommen. »Letztendlich hat sich die Beharrlichkeit ausgezahlt«, betonte Zambo.
Mit der Apothekenreform erkenne die Bundespolitik nach langer Zeit ausdrücklich an, dass Versorgung nicht zum Nulltarif zu haben sei. Deshalb sei die Reform mehr als eine finanzielle Entscheidung, sondern ein politisches Signal. Zambo räumte ein, dass eine konsequentere Umsetzung des Koalitionsvertrags wünschenswert gewesen sei, ebenso dass die zugesagte Vergütung schneller und in einem Rutsch hätte kommen müssen. Zudem sah sie es kritisch, dass die Verbesserungen durch den erhöhten Kassenabschlag, der aus heiterem Himmel kam, wieder abgeschmolzen würden.
LAV-Präsidentin Tatjana Zambo bewertete die Apothekenreform optimistisch. / © LAV Baden-Württemberg
Klar sei allerdings auch, dass Politik in Schritten gemacht werde. »Die Reform ist der erste, wichtigste Schritt und markiert den Anfang zum Verständnis einer neuen Rolle der öffentlichen Apotheken«, so die Präsidentin. Trotz aller gesellschaftlichen Veränderungen wünschten sich die Menschen nach wie vor eine wohnortnahe, schnelle und verlässliche Versorgung. Wirtschaftliche Stabilität sei die Voraussetzung, dass Apotheken weiter ihre Türen öffnen könnten.
Das Bild der Apotheken als Abgabestellen für Arzneimittel sei seit Jahren überholt, betonte die Präsidentin. Apotheker seien Arzneimittelexperten, Gesundheits- und Präventionsberater sowie gesundheitliche Dienstleister. Täglich fänden Millionen intensiver Beratungsgespräche in der Apotheke statt, ohne Termin, ohne Überweisung und ohne Wartezimmer. Neu sei nur, so Zambo, dass die Politik beginne, dies nicht nur zu erkennen, sondern auch anzuerkennen.
Die Politik habe folgerichtig Maßnahmen wie Impfangebote, mehr pharmazeutische Dienstleistungen, neue Testmöglichkeiten und insgesamt mehr Verantwortung, etwa bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln, in die Reform aufgenommen, betonte Zambo. Apotheker in Baden-Württemberg, dem Land der Tüftler, Entwickler und Unternehmerinnen, wüssten, was Innovationen bedeuten. Gerade in den vergangenen Jahren hätten sie gezeigt, wie innovationsfähig sie sind. Die Umsetzung der Digitalisierung und des E-Rezepts mit all seinen Widrigkeiten, das Management von Lieferengpässen, der Aufbau von Impfangeboten und PDL seien dafür Beispiele.
Die erweiterten Leistungen, die die Apothekenreform mit sich bringt, bedeuten weitere Veränderungen. »Zusätzliche Qualifikationen, neue Prozesse und mehr Verantwortung sollten nicht als Belastung gesehen, sondern als Chance für den Berufsstand begriffen werden«, riet Zambo. Die aktuellen Reformen seien eine Einladung, den Apothekerberuf weiterzudenken.
Die Frage sei nicht, welche Aufgaben Apotheken zusätzlich übernehmen könnten, sondern welche Versorgung die Menschen in zehn oder 20 Jahren brauchen. Jede heilberufliche Kompetenz sei wichtig: von Ärzten und anderen Therapieberufen über Pflegekräfte bis zur öffentlichen Apotheke. Wichtig sei, dass Kompetenzen nicht gegeneinander stehen, sondern miteinander gestalten. Es gehe nicht darum, Heilberufe zu ersetzen, sondern das Gesundheitssystem insgesamt besser zu machen. Die Herausforderungen seien viel zu groß, um Energie in Revierkämpfe zu investieren, ist Zambo überzeugt.
In der Apothekenreform sieht die Präsidentin eine Neuausrichtung. Apotheken würden künftig nicht mehr vor allem über Arzneimittel definiert, sondern über ihre Kompetenzen. Alle Leistungen müssten mit Qualität, wissenschaftlicher Evidenz, Professionalität und Freude gestaltet werden. Jede neue Aufgabe sei eine Chance, den Menschen den Wert pharmazeutischer Kompetenz zu vermitteln und Vertrauen aufzubauen.
Zambo wünscht sich, dass Apotheken künftig noch stärker als Gestalter und Mitentwickler eines modernen Gesundheitssystems wahrgenommen werden. Um gehört zu werden, spiele die Geschlossenheit der Apothekerschaft eine wichtige Rolle. Dass Apotheker mit einer Stimme gesprochen und sich gemeinsam engagiert hätten, war laut Zambo entscheidend, dass die Politik die wirtschaftliche Lage der Apotheken nicht länger ignorieren konnte. »Diese Geschlossenheit wird auch bei den nächsten Reformschritten entscheidend sein«, betonte die Präsidentin.
Die gesellschaftliche Bedeutung des Berufs des Apothekers und der Apothekerin sei größer denn je. Die politische Botschaft: Wer Versorgung sichern will, muss Apotheken stärken, auch in Zukunft. Die Apothekerschaft werde ihren Weg mit Mut, Zuversicht und Geschlossenheit gehen.
Der neue LAV-Geschäftsführer Frank Dambacher, der die Geschäftsstelle zum 1. Februar 2026 übernommen hatte, stellte den Jahresabschluss 2025 vor und legte die Entwicklung der Betriebsstätten in Baden-Württemberg dar. Die Zahl der Apotheken betrug im Jahr 2025 genau 2090 gegenüber 2157 in 2024. In den letzten zehn Jahren haben 457 Apotheken die Türen geschlossen: ein Rückgang um 17,9 Prozent. Die Haushaltsplanung 2026/27 wurde mit einer Enthaltung und ohne Gegenstimme angenommen.
Dambacher erläuterte weiterhin die Retax-Bilanz der Abteilung Taxation des LAV für das Jahr 2025. Seit Kündigung der Hilfstaxe im Jahr 2024 habe die Zahl der Retaxationen und der geprüften Rezepte einen Höchststand erreicht, vor allem wegen strittiger Retaxationen im Bereich Rezepturen. Durch das Urteil des Bundessozialgerichts im November 2025 war die Taxation von Rezepturen eindeutig zugunsten der Apothekerschaft geklärt worden. Durch die Regelungen des ALBVVG sind die Retaxationsbeträge deutlich gesunken, so Dambacher. Einzelne Kassen bestünden jedoch darauf, selbst bei geringen Beträgen wie der Lieferengpass-Pauschale von 60 Cent brutto den Retaxationsprozess zu durchlaufen.
Die Abteilung Taxation hatte dadurch einen erheblichen Mehraufwand. Die LAV-Expertinnen konnten jedoch 982.023 Euro ungerechtfertigter Retaxationen für die LAV-Mitglieder zurückholen. Die Bilanz zeige die Bedeutung dieser Serviceleistung des Verbands und einer konsequenten Interessenvertretung für die Mitglieder, so der Geschäftsführer.