| Theo Dingermann |
| 31.03.2026 12:00 Uhr |
Lenacapavir könnte eine entscheidende Rolle bei der Prävention neuer HIV-Infektionen spielen – wenn es denn in ausreichender Menge verfügbar wäre. / © Getty Images/Burak Karademir
In der EU ist Lenacapavir als Sunlenca® zur HIV-Therapie seit August 2022 und als Yeytuo® zur HIV-PrEP seit September 2025 zugelassen. Ausreichend verfügbar, vor allem für Menschen mit einem hohen Infektionsrisiko, scheint das Medikament jedoch noch nicht zu sein, wie ÄoG in dem am 30. März veröffentlichten Schreiben an Gilead beklagen. Die Hilfsorganisation fordert das Unternehmen darin auf, ihr unverzüglich Lenacapavir zu verkaufen.
Der Wirkstoff ist der erste Vertreter der neuen Klasse der Kapsid-Inhibitoren und zeichnet sich durch eine sehr lange Halbwertszeit aus. Diese ermöglicht in der Erhaltungsphase eine Therapie beziehungsweise Prophalyxe mit nur zwei Injektionen pro Jahr. Weil dies die Anwendung gerade in ressourcenschwachen Settings stark vereinfachen würde, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mittlerweile die HIV-PrEP mit Lenacapavir. Laut ÄoG infizieren sich weltweit jedes Jahr etwa 1,3 Millionen Menschen mit HIV, was die dringende Notwendigkeit unterstreiche, den Zugang zu hochwirksamen Präventionsmitteln wie der langwirksamen HIV-PrEP auszuweiten.
Gilead habe einen direkten Verkauf von Lenacapavir an ÄoG bislang abgelehnt und stattdessen darauf verwiesen, dass die Verteilung des Wirkstoffs über den sogenannten Global Fund geregelt wird. Der »Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria« (Global Fund) ist eine weltweite Partnerschaft zur Eindämmung der drei genannten großen Infektionskrankheiten. Er hatte im Juli 2025 bekanntgegeben, mit Gilead eine Zugangsvereinbarung zur Beschaffung der Lenacapavir-PrEP für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMIC) unterzeichnet zu haben. Damit sei erstmalig in der Geschichte ein Produkt zur HIV-Prävention in LMIC zeitgleich mit Ländern mit hohem Einkommen eingeführt worden, was der Globale Fund als einen bedeutenden Meilenstein für die weltweite Gesundheitsgerechtigkeit bezeichnete.
Die über den Global Fund zugeteilten Kontingente deckten den weltweiten Bedarf jedoch bei Weitem nicht, so ÄoG. Sie reichten lediglich für bis zu 2 Millionen Menschen über einen Zeitraum von drei Jahren. Außerdem habe bislang nur eine Handvoll der 18 Länder, die gemäß der Vereinbarung zwischen Gilead und dem Global Fund anspruchsberechtigt sind, Dosen von Lenacapavir erhalten. Seit Monaten habe man versucht, eine begrenzte Zusatzmenge des Wirkstoffs zu beschaffen, schreibt die Hilfsorganisation.
ÄoG argumentieren, dass die Verweigerung eines Direktverkaufs angesichts der öffentlichen Förderung der Entwicklung des Medikaments nicht nachvollziehbar sei und den Zugang für besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen gefährde.
Der Konflikt reiht sich ein in die anhaltende Debatte um Preisgestaltung, Lizenzmodelle und weltweiten Zugang zu innovativen HIV-Präventionsmitteln. Gilead hat zwar Lizenzvereinbarungen mit Generikaherstellern angekündigt. Allerdings wird die Verfügbarkeit günstiger Nachahmerpräparate erst ab 2027 erwartet. Bis dahin bleibt die Versorgung in vielen Ländern begrenzt. Auch zahlreiche Staaten mit mittlerem Einkommen sowie ganz Lateinamerika sind von den Lizenzabkommen ausgenommen.
ÄoG warnen vor einer Wiederholung früherer Zugangsprobleme in der HIV-Bekämpfung. Die Organisation sieht in Gileads Haltung ein Signal dafür, dass der Zugang zu einer medizinischen Innovation weiterhin von kommerziellen Steuerungsmechanismen geprägt bleibt, obwohl der öffentliche Gesundheitsbedarf dringend und unmittelbar ist. Man habe um ein Folgetreffen mit Gilead bis zum 13. April gebeten, um zu klären, ob das Unternehmen Lenacapavir direkt verkaufen werde, zu welchem Preis dies geschehe und wann die Lieferung beginnen könne.