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Kunsthaus Wiesbaden

»Wissenschaft ist wie ein Sog«

Einen Blick in die Welt der Wissenschaft werfen die Porträts der Fotografin Herlinde Koelbl, die im Kunsthaus Wiesbaden zu sehen sind. Spitzenforscher präsentieren hier ihre Arbeiten in ungewöhnlicher Weise: als Formeln, Gleichungen oder in Form eines Leitsatzes auf der Handinnenseite.
Hannelore Gießen
08.10.2021  09:00 Uhr

Fünf Jahre lang hat Koelbl mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in aller Welt gesprochen, um herauszufinden, was sie nach Erkenntnis suchen lässt. Gezeigt wird jetzt ein Kaleidoskop an Bildern, die Begeisterung, Neugier und Leidenschaft der Forschenden widerspiegeln. Und einen Blick hinter die Kulissen der Wissenschaft gewähren.

Koelbl hat ihre Gesprächspartner nicht im Labor fotografiert und so das Klischee von »Laborkittel und Schutzbrille« bedient. »Ich möchte den ganzen Menschen und die ganze Vielfalt zeigen«, betont die Fotografin und Dokumentarfilmerin, die schon von 1991 bis 1998 in einem großen Projekt Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft fotografierte und interviewte. Sie wolle Männer und Frauen, unterschiedliche Altersstufen und vor allem alle Kontinente abbilden, so die Künstlerin. Publikumsscheue Forscher hat sie dabei ebenso getroffen wie medienerfahrene Routiniers.

Von Astronomie bis Tiefseeforschung

Von der Astronomie und Biochemie zur Nanotechnologie und der Quantenphysik über die Stammzellforschung bis hin zu Künstlicher Intelligenz: Die sechzig jetzt von Koelbl Porträtierten erforschen die unterschiedlichsten Wissenschaftsgebiete.

Nobelpreisträgerin Emmanuelle Charpentier, die zusammen mit Jennifer A. Doudna die Genschere CRISPR-Cas9 entwickelt hat und 2020 mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet worden war, schreibt »Always be the best of yourself«, der Biochemiker Aaron Ciechanover fasst sein Bild vom menschlichem Leben so zusammen: »We are made of proteins and spirit«. Der Astrophysiker Lord Martin Rees mit dem eindrucksvollen Titel »Königlicher Astronom« zeigt, wie alles begann, indem er auf seiner Handinnenfläche den Urknall symbolisiert. Der Quantenphysiker Jian-Wie Pan schreibt »The world is made of atoms«. Im Gespräch mit Koelbl knüpft er zudem hohe Erwartung an die Wissenschaft: »Mit besserer Bildung werden die Menschen offener, friedvoller und liebevoller.«

Die Hand der Meeresbiologin Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, ziert ein Schiff auf einem tiefen Ozean mit Fischen und Seegurken. Letztere stehen im Fokus ihrer Forschung. Doch die Tiefseeforscherin beschäftigt sich auch mit den Lebensräumen der Tiefsee mit einem besonderen Blick auf extreme Lebensgemeinschaften unter Eis, in Schlammvulkanen sowie kalten und heißen Quellen. »Ich finde es einfach unglaublich faszinierend, dass wir immer noch erst einen Bruchteil des Meeres, des Universums und ganz besonders des Menschen verstehen«, so Antje Boetius bei der Ausstellungseröffnung.

Der Physiker Stefan Hell wollte die Mikroskopie verbessern und dabei eine Grenze der Auflösung, die bis dahin als unüberwindlich galt, durchbrechen. Aufgrund der wellenartigen Ausbreitung des Lichts können Objekte, die weniger als 200 Nanometer voneinander entfernt sind, nicht mehr getrennt voneinander wahrgenommen werden. Ein scharfer Blick in die kleinen Strukturen einer Zelle war so unmöglich.

Hell gelang es, diese Grenze mithilfe der Fluoreszenz-Mikroskopie zu überwinden. Für seine bahnbrechende Entwicklung wurde er 2014 mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet. Scheitern dürfe nicht als Fehler angesehen werden, sondern als Antrieb, unerschrocken weiterzugehen, betont Hell: »Wissenschaft ist wie ein Sog. Wenn einmal eine beglückende Erkenntnis da ist, möchte man diese Erfahrung immer wieder machen«, beschreibt der Physiker seine Motivation. Die Formel für die Auflösungsgrenze, die er erfolgreich austrickste, präsentiert er stolz auf seiner Hand.

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