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Dirk Heidenblut (SPD) im Interview

»Wir müssen Apotheken mehr Verantwortung geben«

Dirk Heidenblut ist neuer Berichterstatter für Apothekenthemen in der SPD-Bundestagsfraktion. Im PZ-Interview  spricht er erstmals über seine apothekenpolitischen Ziele. Es geht unter anderem um seine Vorstellungen zu einer Reform des Apothekenhonorars, um den Ausbau der Apotheken-Imfpungen und um die Lage bei den Arzneimittel-Lieferengpässen.
Benjamin Rohrer
11.03.2022  18:00 Uhr

PZ: Herr Heidenblut, die Apotheken sind in die Coronavirus-Impfkampagne eingestiegen. Wie sind Ihre ersten Eindrücke von den Apotheken-Impfungen?

Heidenblut: Die Apotheken impfen ja nicht nur gegen das Coronavirus, sondern im Rahmen von Modellvorhaben auch gegen die Grippe. Hier muss man noch die wissenschaftliche Evaluation abwarten. Aber in beiden Fällen sind wir zufrieden, uns wurden ausschließlich gute Erfahrungen zugetragen. Wir sollten darüber nachdenken, ob Impfungen generell ein Thema für die Apotheken sein könnten und langfristig wirksame Regelungen Sinn machen.

PZ: Die Apotheken sind zu einem Zeitpunkt eingestiegen, als die Zahl der Impfungen wieder abnahm. Ist geplant, dass die Koalition nochmals für die Apotheken-Impfungen wirbt?

Heidenblut: Wir wollen die Impfquote grundsätzlich erhöhen – ganz unabhängig davon, wo die Impfungen erfolgen. Dazu sollte das BMG bald eine erweiterte Kampagne erarbeiten. Und in einer solchen Kampagne könnte man sehr gut auf die Impfmöglichkeiten in der Apotheke hinweisen. Wir würden uns aber auch freuen, wenn die Zahl der impfbereiten Apotheken weiter steigt, um das Angebot wirklich flächendeckend zu gestalten.

PZ: Ein anderes Thema, das Apotheken mal wieder beschäftigt, sind die Arzneimittel-Lieferengpässe. Die Versorgungslücke beim Brustkrebs-Medikament Tamoxifen hat erneut gezeigt, wie fragil unser System beim Wegfall eines einzigen Zulieferers ist. Seit Jahren kennt die Politik diese Problematik, seit Jahren hat sich nichts verbessert…

Heidenblut: Ich sehe das auch so. Bei einem akuten Engpass wird wieder darüber geredet. In den Phasen dazwischen scheint die Versorgungssicherheit zum Nebenproblem zu werden. Es gibt viele Probleme, die wir diesbezüglich bearbeiten müssen. Wir müssen unsere Abhängigkeit von ausländischen Produktionsstätten verringern und die Produktion zurück nach Europa holen. Dazu sollten wir beispielsweise darüber nachdenken, Hersteller in Rabattverträgen dazu zu verpflichten, in Europa zu produzieren. Andererseits sollten wir aber auch über eine nationale Sicherstellungsreserve nachdenken. Dabei kann ich mir gut vorstellen, die Apotheken mit ins Boot zu holen. Eine solche Reserve funktioniert natürlich nicht für alle Arzneimittel, aber einen Teil könnte man damit abdecken.

PZ: Sie sprachen die Rabattverträge an. Ist es nicht Teil des Problems, wenn der Preisdruck durch die Verträge so hoch ist, dass Generika pro Tablette nur noch wenige Cent wert sind? Und wird die Situation durch exklusive Rabattverträge nicht weiter verschärft? Brauchen wir eine Rabattvertragsreform?

Heidenblut: Die Rabattverträge per se zu verdammen, ist keine Lösung. Sie sind ein wichtiges Sparinstrument. Allerdings müssen wir Umstellungen vornehmen. Auch über verpflichtende Zweit- und Dritthersteller muss geredet werden.

PZ: Während der Pandemie wurden bereits Lockerungen an den Rabattverträgen umgesetzt. Beispielsweise dürfen Apotheker nicht verfügbare Präparate leichter gegen wirkstoffgleiche Medikamente austauschen. Was spricht dagegen, diese Regelungen beizubehalten?

Heidenblut: In erster Linie wollen wir dafür sorgen, dass das Rabattarzneimittel verfügbar ist. Wenn dies nicht der Fall ist, können wir über vernünftige und handhabbare Lösungen reden, die auch die Apotheken entlasten. Klar ist aber, dass die Kassen eine Sicherheit brauchen, dass in erster Linie Rabattarzneimittel abgegeben werden. Ende Mai laufen diese Regelungen aus. Bis dahin werden wir uns damit beschäftigen.

PZ: Herr Heidenblut, selten hat es einen Koalitionsvertrag gegeben, der so explizit formulierte Änderungen im Apothekenmarkt vorsieht. Die Ampel-Koalition plant eine zweite Apothekenreform, neue Strukturen im Apothekenhonorar bis hin zu Abgabetresen in Gesundheitszentren. Erwartet die Apotheker eine echte Strukturreform?

Heidenblut: Ja, wir sind uns in den Koalitionsverhandlungen einig gewesen, dass wir gerade beim Apothekenhonorar strukturell umbauen müssen. Konkrete Planungen gibt es noch nicht. Mir persönlich sind aber zwei Punkte wichtig: Erstens muss grundsätzlich mehr Geld ins System. Die Apotheken leiden unter Fachkräftemangel und haben gerade die Tariflöhne erhöht. Beides muss finanziert werden. Zweitens wollen wir aber dafür sorgen, dass das Geld nicht per Gießkannen-Prinzip verteilt wird, sondern differenziert. Ich bin der Meinung, dass wir neue Dienstleistungen und beratungsintensive Leistungen extra und besser honorieren sollten. Wir müssen den Apotheken mehr Verantwortung geben. Sie könnten beispielsweise in der Prävention helfen. Eine Steigerung bei der Verantwortung sollte extra vergütet werden und macht den Job für Nachwuchs-Apotheker gleichzeitig attraktiver.

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