Viele klassische Toxizitätstests mit Tieren seien nicht mehr zeitgemäß, kritisiert Escher. So werde etwa ein Tier über seine Lebenszeit hinweg täglich mit einem krebserregenden Stoff gefüttert, um danach zu gucken, wie viele Tumoren sich entwickelten. Dabei gehe es eigentlich darum, herauszufinden, was bei einem Stoff in geringen Konzentrationen passiere, und nicht in hoher Dosis. Mit dem Ersatz solcher Versuche werde Tierleid verringert, betont die Expertin.
»Wenn ein Stoff verboten wird, kommen häufig Dutzende von Ersatzprodukten auf den Markt«, erläutert Escher und nennt das Verbot von Bisphenol A in Lebensmittelverpackungen als Beispiel. Mit den neuen tierversuchsfreien Methoden könnten solche neuen Stoffe viel schneller untersucht und bewertet werden. »Im Moment dauert es noch 10 bis 20 Jahre, bis ein Stoff verboten ist.«
Für viele Stoffe sind Tierversuche noch vorgeschrieben. Seit 2013 gibt es aber ein Tierversuchsverbot für Kosmetik in der EU, allerdings bestehen weiter zahlreiche Ausnahmen. So dürfen Kosmetikfirmen Substanzen mit Tieren testen, wenn diese Substanzen auch in anderen Produkten wie Waschmitteln oder Wandfarben vorkommen. Der Deutsche Tierschutzbund gibt Tipps, wie tierversuchsfreie Produkte zu erkennen sind. Dabei wird auch empfohlen, zu veganen Produkten zu greifen, denn zum Beispiel wird Kollagen für straffe Haut aus dem Bindegewebe geschlachteter Tiere gewonnen. Keratin für starkes Haar stammt aus Hufen, Hörnern oder Federn von Tieren.
Um potenzielle Gefahren chemischer Substanzen für die Umwelt zu bewerten, sind immer noch Tierversuche vorgeschrieben, in denen oftmals etwa Fische vergiftet werden und qualvoll leiden. Gaby Neumann von Ärzte gegen Tierversuche hofft darauf, dass die EU bald Ersatzverfahren wie das von Escher entwickelte erlauben wird. »Der größte Hebel wäre aber die Grundlagenforschung«, betont Neumann.
2024 dienten 57 Prozent der Tierversuche der Grundlagenforschung. »Man hat hier die Möglichkeiten, mit menschlichen Daten und Zellen zu arbeiten, und nicht mit künstlich krank gemachten Tieren«, sagt Neumann. Die überwiegende Mehrheit der mit Tierversuchen entwickelten Medikamente falle in klinischen Studien durch. Andere Länder wie die Niederlande oder die USA schafften der Tierärztin zufolge weit größere Anreize für tierversuchsfreie Forschung.
Der Rückgang der Versuchstierzahlen sei grundsätzlich zu begrüßen und zeige die Bemühungen der EU-Kommission, Tierversuche auf das unerlässliche Maß zu beschränken, teilte das Deutsche Zentrum zum Schutz von Versuchstieren kürzlich mit. Einer Auswertung zufolge kommen in der Grundlagenforschung in den Bereichen Neurowissenschaften und Immunologie vermehrt In-vitro-Methoden zum Einsatz. Dieser Trend sei allerdings für die Onkologie – also Krebsforschung – nicht zu beobachten.