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UN-Bericht

Wie sich die Coronakrise auf Gewalt gegen Mädchen weltweit auswirkt

Die Coronakrise wird nach Einschätzung der Vereinten Nationen den Kampf gegen Genitalverstümmelung und Kinderehen zurückwerfen. Auch in Deutschland leben Betroffene.
PZ
dpa
30.06.2020
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In einigen Teilen der Welt ist es immer noch grausame Praxis: In manchen Ländern werden 90 Prozent der Mädchen nach Angaben des Kinderhilfswerks Unicef im Genitalbereich beschnitten. Angesichts der heruntergeschraubten nationalen und internationalen Präventions-Programme wegen der Coronavirus-Pandemie sei davon auszugehen, dass bis 2030 zusätzlich rund zwei Millionen Mädchen eine Genitalverstümmelung erleiden würden, sagte die Chefin des Genfer Büros des UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA), Monica Ferro.

Allein in diesem Jahr sind demnach 4,1 Millionen Mädchen dem Risiko einer Genitalverstümnmelung ausgesetzt. Auch die Praxis von Kinderehen steige in Zeiten von Not und Krise, sagte Ferro. Die UN-Organisation gehe wegen der Folgen der Coronakrise von 13 Millionen zusätzlichen Kinderehen bis 2030 aus. Darüber hinaus könnte 47 Millionen Frauen der Zugang zu modernen Verhütungsmitteln verwehrt bleiben, was zu sieben Millionen ungewollter Schwangerschaften führen könne, heißt es im neuesten UNFPA-Bericht. Lock-Down-bedingt rechnet die UN-Organisation in den kommenden sechs Monaten mit 31 Millionen zusätzlichen Fällen von Gewalt gegen Frauen.

Es gehe darum, endlich die Rechte von Mädchen und Frauen zu stärken und zu respektieren, sagte Ferro. Eine gewisse Haltungsänderung sei immerhin spürbar. Eltern würden die Bedeutung von Bildung und einem selbstbestimmten Leben auch bei Mädchen immer mehr erkennen. «Das Blatt wendet sich», so Ferro.

Rund 68.000 Betroffene in Deutschland

Nach jüngsten Angaben von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey leben in Deutschland derzeit knapp 68.000 Frauen und Mädchen, die von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen sind. Die Zahl sei in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen, sagte die SPD-Politikerin vergangene Woche in Berlin. Im Vergleich zu Daten, die das Ministerium im Februar vor drei Jahren vorgelegt hatte, sei das ein Anstieg um 44 Prozent.

Die meisten betroffenen Frauen stammten aus Eritrea, Somalia, Indonesien, Ägypten und Nigeria. Der Grund für den Anstieg liege in höherer Zuwanderung aus diesen Staaten, sagte Giffey. Auch bei den Minderjährigen seien die Zahlen erschreckend hoch: Bis zu 14 880 Mädchen seien in Deutschland von weiblicher Genitalverstümmelung bedroht. Giffey sprach zugleich davon, dass es nicht einfach sei, solche Daten zu erheben. «Es ist ein Straftatbestand, so dass wir uns hier im Rahmen einer Dunkelfeldforschung bewegen.»

Die Erhebung wurde den Angaben zufolge im Auftrag des Ministeriums nach einer von dem Europäischen Institut für Gleichstellungsfragen entwickelten Methodik erstellt. «Weibliche Genitalverstümmelung ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und eine archaische Straftat, die Mädchen und Frauen in ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung verletzt», sagte die SPD-Politikerin.

Die Vorlage der Zahlen nutzte sie auch, um auf die Rechtslage in Deutschland hinzuweisen. In Deutschland ist Genitalverstümmelung strafbar. Täter könnten auch belangt werden, wenn die Tat im Ausland stattgefunden habe. Zudem bestehe die Möglichkeit des Passentzugs, wenn eine Person eine weibliche Beschneidung im Ausland plane.

Ziel ist es, Mädchen und junge Frauen davor schützen und Hilfe anzubieten. Unterstützung für Betroffene könnten etwa Hebammen leisten. Zudem verwies Giffey auf das bundesweite Hilfetelefon «Gewalt gegen Frauen», dass rund um die Uhr auch mit mehrsprachigen Ansprechpartnern erreichbar ist.

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