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Pandemie-Maßnahmen

Wie hilft man Demenzkranken durch die Coronazeit?

Die Coronakrise hat Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen massiv getroffen. Wie lässt sich die Angst der Patienten mildern? Medikamente zur Ruhigstellung sind definitiv nicht die Lösung.
Brigitte M. Gensthaler
23.07.2020  08:00 Uhr

Der Lockdown mit all seinen Einschränkungen habe sich sehr ungünstig auf demenziell Erkrankte und pflegende Angehörige ausgewirkt und gravierende psychische und körperliche Schäden ausgelöst, monierte Maria Kammermeier, Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Oberpfalz, Regensburg, bei einer Online-Fortbildung der Bayerischen Landesapothekerkammer. »Soziale Isolierung und stark eingeschränkter Körperkontakt sind für viele Demenzkranke der GAU«, so die Expertin. »Isolation empfinden Demenzkranke als existenzielle Bedrohung; das macht ihnen noch mehr Angst als sie ohnehin haben.«

Menschen mit Demenz spürten rasch, wenn Menschen in ihrem Umfeld unsicher, gestresst oder ängstlich sind, wenn sich Tagesablauf oder Pflegepersonen (mit Maske) verändern oder vertraute Kontakte ausbleiben, so Kammermeier. »In der Folge wachsen innere Anspannung, Stress und Unbehagen.« Manche reagieren mit Rückzug und Depressivität, viele mit großer Unruhe, nächtlicher Aktivität und herausforderndem Verhalten. Pflegende müssten diese Auffälligkeiten interpretieren und die immanenten Botschaften »übersetzen«. Oft würden aber nur Medikamente eingesetzt. »Wenn diese nur zum Zweck der Ruhigstellung gegeben werden, kommt das einer Fixierung gleich und führt in einen Teufelskreis.«

Die Corona-bedingten Einschränkungen und die Isolierung bezeichnete die Expertin als unverhältnismäßig. Auch viele pflegende Angehörige hätten sich eingesperrt gefühlt. Dieser Fehler dürfe nicht noch einmal passieren.

Empathisch in Verbindung bleiben

Wie lässt sich Angst mildern? »Menschen mit Demenz brauchen Kontakte und Personen, die Sicherheit und Orientierung geben. Empathische Verbundenheit ist auch in Coronazeiten möglich.« Dabei müsse die betreuende Person gar nichts »machen«; es gehe vielmehr um Dasein und persönliche Nähe, um ruhige zugewandte Sprache und Körpersprache. Freundlichkeit, Wohlwollen, Zugewandtheit seien existenziell wichtig für Demenzkranke, denn ihre emotionale und soziale Wahrnehmung sei hoch sensibel. »Das Herz wird nicht dement«, zitierte Kammermeier einen Buchtitel.

Oberstes Ziel im Umgang mit Demenzkranken sei es, ein Stück Normalität zu bewahren. Dazu gehören zum Beispiel feste Bezugspersonen, klare Tagesstrukturen und reduziertes Tempo bei allen Aktivitäten. Hilfreiche Tipps: immer erstmal ohne Gesichtsmaske zeigen, damit der Kranke sein Gegenüber erkennen kann; schräg gegenübersetzen und nicht anatmen; keinen Widerstand provozieren; nicht schimpfen, widersprechen oder diskutieren. »Wenn der Kranke etwas nicht will, machen Sie lieber einen Umweg über ganz andere Themen und versuchen es dann nochmal. Lassen Sie die Menschen in ihrer eigenen Welt leben.«

Wenn ein Erkrankter zum Beispiel keinen Mund-Nasen-Schutz tragen will, solle man sich selbst und ihm keinen Druck machen. Manchmal seien ein bunter Schal oder ein Visier besser geeignet, manchmal helfen Humor, gemeinsames Lachen oder ein Lied beim Anziehen. Wenn nicht: akzeptieren und zurückziehen.

Bei Aggressionen könnten Abstandsregeln helfen: »nicht anfassen, Abstand wirkt deeskalierend«. Droht eine Eskalation, holt man möglichst eine andere Person hinzu.

Entscheidend sei, Gefühle und Bedürfnisse des Kranken ernst zu nehmen und ihm Sicherheit zu vermitteln, betonte Kammermeier. »Die Botschaft heißt: Wir finden gemeinsam eine Lösung. Ich kümmere mich.« Ebenso wichtig ist es für Pflegende und Angehörige, die eigene Belastungsgrenze zu erkennen und sich rechtzeitig Hilfe zu holen.

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