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Impfmythen
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Wie Apotheker wirksam aufklären

Impfmythen und Desinformation verunsichern viele Menschen. Wie Apothekenteams mit fundierten Gesprächstechniken dazu beitragen können, Vertrauen zu stärken und Fakten zu vermitteln, erklärte das Paul-Ehrlich-Institut im Gespräch mit der PZ.
AutorKontaktLaura Rudolph
Datum 12.03.2026  07:00 Uhr

Mythen und Falschinformationen rund um Impfungen sind kein neues Phänomen. Schon in den 1990er-Jahren kursierten Gerüchte, Impfungen könnten Autismus auslösen. Spätestens seit der Coronapandemie jedoch sind Stimmen, die Desinformation verbreiten, lauter und über soziale Medien deutlich reichweitenstärker geworden. Über gängige Impfmythen und Strategien zur Aufklärung hat die PZ mit dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gesprochen. Das PEI ist Deutschlands Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel und verantwortlich für deren Zulassung sowie für die Bewertung von Sicherheit, Wirksamkeit und Qualität.

»Es zeigt sich auch in der kommunikativen Arbeit des Paul-Ehrlich-Instituts, dass sich gesellschaftliche und politische Konfliktlinien hinsichtlich Impfungen verstärkt haben. Dies wird beispielsweise bei Anfragen aus der Öffentlichkeit, Presseanfragen oder Kommentaren zu Posts in sozialen Medien deutlich. Die Debatte über Impfungen ist lauter und emotionaler geworden – sowohl die Zustimmung zu Impfungen als auch die Ablehnung treten deutlicher zutage«, so ein Sprecher des PEI.

Polarisierung durch soziale Medien

Während der Coronapandemie sei das Interesse an komplexen Themen wie Herstellung, Prüfung, Zulassung und Überwachung von Impfstoffen stark gestiegen. »Allerdings verstärken insbesondere soziale Medien Meinungsblasen und Polarisierung, sodass verschwörungstheoretische und impfgegnerische Stimmen dabei überproportional sichtbar werden«, führt das PEI aus.

Im Netz finden sich weiterhin Behauptungen, Impfungen seien unsicher, würden Unfruchtbarkeit oder schwere Langzeitschäden verursachen, das Erbgut verändern oder Allergien und Krebs begünstigen. »Alle diese Mythen sind faktisch falsch und widerlegt«, betont das Institut.

Apotheken als Vertrauensinstanz

»Angehörige der Heilberufe können vor allem durch aufklärende, vertrauensvolle Gespräche und transparente Darstellung von Fakten Menschen bei einer informierten Impfentscheidung unterstützen«, so das PEI. Gerade Apothekerinnen und Apotheker seien aufgrund ihres engen Patientenkontakts und ihrer fachlichen Expertise besonders geeignet, Fakten zu vermitteln, Sorgen auszuräumen und Mythen entkräften.

Wichtig sei dabei, individuelle Ängste ernst zu nehmen. Menschen stünden Impfungen aus sehr unterschiedlichen Gründen skeptisch gegenüber – etwa aus Sorge vor Nebenwirkungen, aus religiösen Motiven, aus Misstrauen gegenüber Institutionen, durch Falschinformationen oder den Glauben an vermeintliche Alternativen.

Hilfreiche Gesprächstaktiken

Als hilfreiche Taktik nennt das PEI das sogenannte Faktensandwich, eine Kommunikationsform aus der kognitiven Psychologie: Zunächst wird ein wissenschaftlich gesicherter Fakt benannt, anschließend die zentrale Falschinformation kurz widerlegt und am Ende der ursprüngliche Fakt erneut bekräftigt. »Diese Methode dient dazu, verbreitete Impfmythen verständlich zu entkräften, ohne den Mythos im Gedächtnis zu verstärken«, erklärt das Institut. Fachjargon sollte dabei möglichst vermieden werden.

Als weitere hilfreiche Gesprächstechniken empfehlen sich laut PEI »Rebuttal« (Entgegnung) und »Inoculation« (kognitive Impfung). Beim Rebuttal reagiert man direkt auf eine konkrete Behauptung: Man nimmt die Aussage ernst, zeigt die Fehler in der Argumentation auf und stellt ihr eine faktenbasierte, logisch nachvollziehbare Einordnung gegenüber.

Inoculation wirkt dagegen vorbeugend. Noch bevor jemand mit einem Impfmythos oder einer typischen Fehlinformation in Kontakt kommt, werden ihm abgeschwächte Varianten solcher Inhalte vorgestellt – zusammen mit einer Erklärung, warum sie irreführend sind. Dadurch entsteht eine Art geistiges Abwehrsystem, das späteren Falschinformationen besser standhält, ähnlich wie eine Impfung den Körper auf einen Erreger vorbereitet.

»Insgesamt erzielen diese Techniken die besten Ergebnisse, wenn sie auf Vertrauen, Respekt, aktivem Zuhören und Dialog aufbauen, anstatt allein auf sachliche Widerlegung und Korrektur zu setzen«, fasst das PEI zusammen.

Für Infektionsrisiken sensibilisieren

Apothekenteams sollten zudem verdeutlichen, wie gefährlich die Krankheiten sein können, gegen die Impfungen schützen. »Gerade die Erfolge von Impfungen haben dazu geführt, dass die Gefährlichkeit vieler Infektionskrankheiten teilweise weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Vielen Menschen ist daher nicht klar, was eine entsprechende Erkrankung bedeuten kann«, führt das Institut aus.

Wie schnell sinkende Impfquoten zu einem Wiederanstieg vermeidbarer Infektionen führen können, zeigte sich zuletzt in den USA, wo vermehrt Masernfälle und Todesfälle auftraten. »Masern sind eine hochansteckende Infektionskrankheit, die sich unter ungeimpften Personen schnell verbreitet, während die Impfung zu einem beinahe vollständigen Schutz führt. Gerade bei Masern gilt, dass eine Impfung auch andere Personen schützt, die aus verschiedenen Gründen nicht geimpft werden können«, so das PEI.

An dieser Stelle erinnerte das Institut an das erklärte Ziel der Weltgesundheitsorganisation, die Masern bis 2010 auszurotten. Dies ist allerdings bisher an »fehlender Konsequenz bei den Durchimpfungsraten« nicht gelungen. Allerdings haben Masern-Impfprogramme laut Schätzungen der WHO zwischen den Jahren 2000 und 2024 rund 59 Millionen Todesfälle verhindert. 

»Auch Infektionskrankheiten wie Diphterie oder Polio kommen zwar dank der verfügbaren Impfungen in vielen Ländern kaum mehr vor – sie existieren jedoch weiterhin und können sich bei zurückgehenden Impfquoten wieder stärker ausbreiten – mit entsprechenden Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit und die Gesundheit der von einer Erkrankung Betroffenen«, warnt das Institut.

Wo Aufklärung an Grenzen stößt

Doch was ist, wenn sich Menschen trotz guter Argumente weiter gegen Impfungen sträuben? »Bei ›überzeugten‹ Impfgegnern sind die kommunikativen Chancen sehr gering – aber nicht vollkommen null. Die Erfahrung und Forschung zeigt: Der Aufwand ist hoch, der Ertrag meist minimal.« 

Auch ein Forscherteam um den kanadischen Kinderarzt Professor Dr. Arnaud Gagneur, das zu Impfskepsis von Eltern forscht, riet in einer Publikation, bei offensichtlicher Ablehnung von Impfungen lieber Zeit und Mühe zu sparen und das weitere Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. (»Human Vaccines & Immunotherapeutics« 2024, DOI: 10.1080/21645515.2024.2391625).

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