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E-Rezept

Wer verfolgt welche Ziele?

In den E-Rezept-Planungen vom Zur-Rose-Konzern spielen ganz andere Interessen eine Rolle. Der Schweizer Pharmahändler hat mehrfach angekündigt, dass man durch das E-Rezept Umsatzsprünge erwarte. Gegenüber der PZ bestätigte ein Konzernsprecher, dass man damit rechne, dass der Marktanteil der Versender im Rx-Bereich in drei bis fünf Jahren auf mehr als 5 Prozent klettern wird.

Klar ist: Zur Rose ist ein renditeorientierter Konzern, dessen Aktionäre Gewinnsteigerungen sehen wollen. Trotz deutlicher Zugewinne während der Corona-Krise sind große Gewinne in den vergangenen Jahren aber ausgeblieben. Mehrfach hat sich Zur Rose für die Ausarbeitung der eigenen E-Rezept-Welt zudem in Form von Anleihen frisches Geld besorgt – in dreistelliger Millionenhöhe. Kurzum: Für Zur Rose und Doc Morris muss das E-Rezept ein Erfolg werden, die Versandhändler setzen alles auf diese Karte.

Aber was hat der Versandkonzern bislang erreicht? Bei einer groß angekündigten E-Rezept-Kooperation mit Hausärzten in Westfalen-Lippe ist offenbar nicht viel herumgekommen. Zumindest öffentlich wurde nie bekannt, ob das Projekt überhaupt gestartet ist. Klar ist, dass auch Doc Morris an einer eigenen Plattform samt App bastelt, die von den Niederländern als »Marktplatz« bezeichnet wird. Der Plan ist, dass die Patienten hier »alles aus einer Hand« bekommen: die Online-Sprechstunde sowie die E-Rezept-Belieferung und OTC-Einkäufe in einer App. Durch den Erwerb der Online-Praxis Teleclinic und die Partnerschaft mit dem Telemedizin-Anbieter Kry ist Zur Rose dieser Vision ein Stück nähergekommen.

Aber für seinen Marktplatz braucht Doc Morris nicht nur Ärzte, sondern auch Apotheker. Denn: Der Konzern hat unter anderem eine Warenbestandsabfrage und eine tagesgleiche Belieferung versprochen. Letzteres ist zuverlässig und flächendeckend nur durch Apotheken machbar. Und so versucht der Konzern sich jetzt mit den Pharmazeuten gutzustellen. Versprochen wurde bereits, dass es keine Rx-Boni für die über die App angenommenen E-Rezepte geben soll.

Noch in diesem Jahr soll der Marktplatz laut einem Sprecher online gehen. Ihm zufolge werden »wenige Pilot-Apotheken« angebunden, »um den User Journey und die Systemintegration zu testen«. Langfristig benötige man aber eine vierstellige Anzahl von Apotheken, um »schnelle Lieferkonzepte wie die Nutzung des Botendienstes« anbieten zu können.

Aber wieso sollten sich Apotheker gerade Doc Morris anschließen? Wie genau stellt sich der Konzern eine friedliche Zusammenarbeit vor? Das Konzept sehe so aus, dass man selbst »eine sehr hohe Reichweite« und somit eine hohe Patientenfrequenz auf die Plattform bringe. »Die Partner können sich auf ihr Leistungsportfolio (Produkte/Services) konzentrieren. Kombiniert ergibt das eine sehr starke Lösung.« Ob der Zur-Rose-Konzern dazu die Kontaktdaten der Apotheken nutzt, die er in dem TK/Noventi-Modell gewonnen hat (siehe oben), ist unklar. Zulässig ist der Gedanke aber.

Last, but not least betreiben auch die Apotheker selbst zwei E-Rezept-Projekte. In Baden-Württemberg startete im vergangenen Jahr das GERDA-Projekt, das die Kammer und der Verband ins Leben gerufen hatten, um das sogenannte Docdirekt-Projekt der Ärzte (KV) mit einem Rezeptspeicher zu verstärken. Doch das Vorhaben wird von externen Problemen geplagt. Bestimmte Software-Anbieter schlossen sich nicht an, sodass sich nicht alle Apotheker in der Region beteiligen konnten. Und vor wenigen Monaten stieg der beteiligte Telemedizin-Anbieter Teleclinic aus.

Das zweite Projekt ist verheißungsvoller – auch weil es vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) im Rahmen der »Zukunftsregion Digitale Gesundheit« in Berlin/Brandenburg finanziell unterstützt wird. Apotheken testen mit Arztpraxen in der Hauptstadtregion auf Basis der von der NGDA entwickelten Fachdienst-Technologie die vom DAV entwickelte Web-App zur E-Rezept-Abwicklung. In einer ersten Phase wurden auch dort »nur« 100 Verordnungen elektronisch abgewickelt. In der inzwischen gestarteten Phase II sind jeweils 100 Apotheken und Ärzte dabei; laut dem Projektsprecher sind die Haus- und Heimversorgung und die Botendienstversorgung Teil des Projekts. Ziel ist es, das Modell zu evaluieren und die Erkenntnisse der Gematik und dem BMG im Frühjahr 2021 zu präsentieren.

Anders als die Mitbewerber setzt der DAV in seinem Projekt auf eine progressive Web-App, die man im Gegensatz zu einer »nativen« App nicht aus dem App-Store laden kann und nur auf dem (Handy-)Desktop verlinkt. Der DAV-Projektsprecher ist sich sicher, dass sich solche Apps »zukünftig als Standard in allen Bereichen« durchsetzen. Erste Erfahrungen hätten aber gezeigt, dass Patienten den Umgang damit noch lernen müssten. Als weiteres Problem während der Phase I sei unter anderem die qualifizierte elektronische Signatur der Ärzte identifiziert worden, die bei den Medizinern zu einem Mehraufwand führe.

Die E-Rezept-Struktur der Apotheker ist im Vergleich zu den anderen Marktplayern sicherlich die, in der am wenigsten wirtschaftliche Interessen zum Tragen kommen. Die Kassen haben keine Zugriffsrechte und die Interessen von Anlegern und neue Umsatzquellen beteiligter Konzerne spielen keine Rolle. Allerdings haben sich die Apotheker in ihrem Vorgehen auch etwas verschätzt: Ziel des DAV war es, dass der Gesetzgeber die Apotheker mit dem Aufbau eines nationalen Rezeptdienstes beauftragt. Inzwischen ist klar, dass dies eine Fehleinschätzung war. Sowohl der Gesetzgeber als auch das Ministerium wollen den Wettbewerb »hinter« einer Gematik-App ermöglichen. Klar ist aber auch, dass die Apotheker an der Entwicklung der App festhalten sollten, um sie gegen interessengeleitete Produkte zu positionieren.

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