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Marine Krebsmedikamente
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Wenn Seescheiden Leben verlängern

Was haben Seescheiden vom Meeresgrund mit modernen Krebstherapien gemeinsam? Eine Menge, wie ein Besuch beim spanischen Unternehmen Pharmamar zeigt. Seit vier Jahrzehnten werden hier wirbellose Meerestiere auf der Suche nach antitumoralen Wirkstoffen erforscht. Drei von Seescheiden abgeleitete Wirkstoffe sind bereits auf dem Markt, weitere Kandidaten befinden sich in der klinischen Entwicklung.
AutorKontaktKerstin A. Gräfe
Datum 19.10.2026  18:00 Uhr
Extrahieren, isolieren, charakterisieren und synthetisieren

Extrahieren, isolieren, charakterisieren und synthetisieren

Inzwischen hat das Unternehmen mehr als 200 Meeresexpeditionen in 35 Ländern durchgeführt und verfügt laut eigenen Angaben über die weltweit größte Sammlung mariner Organismen mit mehr als 570.000 Exemplaren. Eine erste taxonomische Einordnung erfolgt bereits während der Expeditionen. Nach dem Auftauchen wird jede Probe dokumentiert und mit einem Bericht versehen. Dieser enthält Informationen wie die Fundtiefe, die Merkmale des Entnahmegebiets sowie die GPS-Koordinaten des Fundorts.

Anschließend werden die Proben nach Madrid ins Labor geschickt und die daraus gewonnenen Extrakte auf ihre Antitumoraktivität gegenüber verschiedenen Tumorzelllinien untersucht. Etwa 10 Prozent der untersuchten Extrakte weisen eine potenzielle Antitumoraktivität auf. Diese werden anschließend fraktioniert und weiter aufgereinigt, um den potenziellen Wirkstoff zu isolieren. Ist das gelungen, wird die exakte chemische Struktur bestimmt und die Substanz chemisch nachsynthetisiert. Parallel werden Analoga dieser Verbindung synthetisiert, um sie zu optimieren.

Nachfolgend geht der aussichtsreichste Wirkstoffkandidat in die präklinische Prüfung. Hier geht es unter anderem auch um Fragen, ob und wenn ja, welcher Kombinationspartner sich eignen würde und bei welcher Tumorart der Kandidat am wirksamsten ist. In diesem Punkt setzt Pharmamar unter anderem verstärkt auch auf künstliche Intelligenz.

Im Optimalfall folgt der Start klinischer Prüfungen, an deren Ende die Zulassung steht. Bei Letzterer kann Pharmamar eine Erfolgsquote von 37 Prozent vorweisen – verglichen mit einem Branchendurchschnitt von 11 Prozent ein exzellenter Wert.

Drei Präparate, vier Indikationen

Weltweit vermarktet das Unternehmen derzeit drei Präparate in vier verschiedenen Indikationen. In Deutschland sind davon mit Yondelis® und seit Kurzem auch Zepzelca® zwei verfügbar. Beide basieren auf synthetischen Versionen von Substanzen, die ursprünglich aus der Seescheide Ecteinascidia turbinata isoliert wurden.

Yondelis enthält den Wirkstoff Trabectedin, ein Alkylans, das an die kleine Furche der DNA bindet und dadurch eine Verformung der Doppelhelix auslöst. Dies setzt eine Kaskade zellulärer Prozesse in Gang, an der unter anderem Transkriptionsfaktoren, DNA-Bindungsproteine und DNA-Reparaturmechanismen beteiligt sind. Die Folge ist eine Störung des Zellzyklus und damit des Tumorwachstums. Eingesetzt wird Yondelis als Zweitlinientherapie bei Patienten mit Weichteilsarkomen sowie zur Behandlung von Eierstockkrebs.

Der Wirkstoff von Zepzelca ist Lurbinectedin, ein Analogon der marinen Verbindung ET-736. Es hemmt den onkogenen Transkriptionsprozess auf mehreren Ebenen und somit zentrale Mechanismen des Tumorwachstums. In der Folge kommt es zu einem Stillstand des Zellzyklus und schließlich zur Apoptose der Tumorzellen. Zepzelca wird in Kombination mit Atezolizumab als Erhaltungstherapie bei Patienten mit fortgeschrittenem kleinzelligem Lungenkarzinom eingesetzt, deren Erkrankung nach einer Erstlinien-Induktionstherapie mit Atezolizumab, Carboplatin und Etoposid nicht fortgeschritten ist.

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