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Marine Krebsmedikamente
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Wenn Seescheiden Leben verlängern

Was haben Seescheiden vom Meeresgrund mit modernen Krebstherapien gemeinsam? Eine Menge, wie ein Besuch beim spanischen Unternehmen Pharmamar zeigt. Seit vier Jahrzehnten werden hier wirbellose Meerestiere auf der Suche nach antitumoralen Wirkstoffen erforscht. Drei von Seescheiden abgeleitete Wirkstoffe sind bereits auf dem Markt, weitere Kandidaten befinden sich in der klinischen Entwicklung.
AutorKontaktKerstin A. Gräfe
Datum 19.10.2026  18:00 Uhr

Betritt man das Gebäude des Pharmaunternehmens Pharmamar in Madrid, deutet in dem hellen und modernen Eingangsbereich nichts darauf hin, dass man sich hier der Erforschung, Entwicklung und Vermarktung von Krebsmedikamenten marinen Ursprungs verschrieben hat. Weder ein großes Aquarium noch beeindruckende Unterwasseraufnahmen sind zu sichten. Mit dem eigenen Klischeedenken versöhnt wird man dann im Konferenzraum, dessen Wände zahlreiche faszinierende Aufnahmen von Seescheiden wie Ecteinascidia turbinata und Aplidium albicans sowie weiteren wirbellosen Meerestieren säumen. Genau auf diesen liegt das Hauptaugenmerk der Firma.

Wie die Idee entstand, das Meer als bislang weitgehend unerschlossene »therapeutische Wirkstoffquelle« zu betrachten, und wie es schließlich 1986 zur Gründung von Pharmamar kam, erläuterte Firmengründer José María Fernández Sousa-Faro bei einem Presseworkshop. Die Überlegung des promovierten Biochemikers: Zahlreiche Antibiotika (Penicillin, Streptomycin, Tetracyclin, Erythromycin), Antimykotika (Nystatin, Griseofulvin, Amphotericin B) und Zytostatika (Paclitaxel, Irinotecan, Doxorubicin) haben ihren Ursprung in terrestrischen Organismen, also in Pflanzen, Pilzen oder Bakterien. Hingegen war die Unterwasserwelt bis dato weitgehend ungenutzt. Angesichts der Tatsache, dass die Meere rund 70 Prozent der Erdoberfläche bedecken, lag für Fernández Sousa-Faro die Vermutung nahe, dass sie eine ungleich größere Artenvielfalt beherbergen.

Bei der Suche nach potenziell wirksamen Substanzen konzentrierte man sich auf wirbellose Meerestiere wie Schwämme, Manteltiere oder Seescheiden. Viele dieser Organismen sind fest am Meeresboden verankert und können sich nicht wegbewegen, weshalb sie im Laufe der Evolution chemische Abwehrmechanismen entwickelt haben, um Fressfeinde abzuwehren. Die Idee von Pharmamar war, diese natürlichen Zellgifte im Kampf gegen menschliche Tumorzellen einzusetzen.

Extrahieren, isolieren, charakterisieren und synthetisieren

Inzwischen hat das Unternehmen mehr als 200 Meeresexpeditionen in 35 Ländern durchgeführt und verfügt laut eigenen Angaben über die weltweit größte Sammlung mariner Organismen mit mehr als 570.000 Exemplaren. Eine erste taxonomische Einordnung erfolgt bereits während der Expeditionen. Nach dem Auftauchen wird jede Probe dokumentiert und mit einem Bericht versehen. Dieser enthält Informationen wie die Fundtiefe, die Merkmale des Entnahmegebiets sowie die GPS-Koordinaten des Fundorts.

Anschließend werden die Proben nach Madrid ins Labor geschickt und die daraus gewonnenen Extrakte auf ihre Antitumoraktivität gegenüber verschiedenen Tumorzelllinien untersucht. Etwa 10 Prozent der untersuchten Extrakte weisen eine potenzielle Antitumoraktivität auf. Diese werden anschließend fraktioniert und weiter aufgereinigt, um den potenziellen Wirkstoff zu isolieren. Ist das gelungen, wird die exakte chemische Struktur bestimmt und die Substanz chemisch nachsynthetisiert. Parallel werden Analoga dieser Verbindung synthetisiert, um sie zu optimieren.

Nachfolgend geht der aussichtsreichste Wirkstoffkandidat in die präklinische Prüfung. Hier geht es unter anderem auch um Fragen, ob und wenn ja, welcher Kombinationspartner sich eignen würde und bei welcher Tumorart der Kandidat am wirksamsten ist. In diesem Punkt setzt Pharmamar unter anderem verstärkt auch auf künstliche Intelligenz.

Im Optimalfall folgt der Start klinischer Prüfungen, an deren Ende die Zulassung steht. Bei Letzterer kann Pharmamar eine Erfolgsquote von 37 Prozent vorweisen – verglichen mit einem Branchendurchschnitt von 11 Prozent ein exzellenter Wert.

Drei Präparate, vier Indikationen

Weltweit vermarktet das Unternehmen derzeit drei Präparate in vier verschiedenen Indikationen. In Deutschland sind davon mit Yondelis® und seit Kurzem auch Zepzelca® zwei verfügbar. Beide basieren auf synthetischen Versionen von Substanzen, die ursprünglich aus der Seescheide Ecteinascidia turbinata isoliert wurden.

Yondelis enthält den Wirkstoff Trabectedin, ein Alkylans, das an die kleine Furche der DNA bindet und dadurch eine Verformung der Doppelhelix auslöst. Dies setzt eine Kaskade zellulärer Prozesse in Gang, an der unter anderem Transkriptionsfaktoren, DNA-Bindungsproteine und DNA-Reparaturmechanismen beteiligt sind. Die Folge ist eine Störung des Zellzyklus und damit des Tumorwachstums. Eingesetzt wird Yondelis als Zweitlinientherapie bei Patienten mit Weichteilsarkomen sowie zur Behandlung von Eierstockkrebs.

Der Wirkstoff von Zepzelca ist Lurbinectedin, ein Analogon der marinen Verbindung ET-736. Es hemmt den onkogenen Transkriptionsprozess auf mehreren Ebenen und somit zentrale Mechanismen des Tumorwachstums. In der Folge kommt es zu einem Stillstand des Zellzyklus und schließlich zur Apoptose der Tumorzellen. Zepzelca wird in Kombination mit Atezolizumab als Erhaltungstherapie bei Patienten mit fortgeschrittenem kleinzelligem Lungenkarzinom eingesetzt, deren Erkrankung nach einer Erstlinien-Induktionstherapie mit Atezolizumab, Carboplatin und Etoposid nicht fortgeschritten ist.

Gut gefüllte Pipeline

Auch die marine Pipeline ist gut gefüllt: Mit Lurbinectedin laufen derzeit zwei weitere Phase-III-Studien. Die Studie SaLuDo untersucht die Wirksamkeit einer Kombinationstherapie aus Lurbinectedin und Doxorubicin im Vergleich zur alleinigen Doxorubicin-Standardtherapie bei Patienten mit metastasiertem Leiomyosarkom in der Erstlinientherapie. Die Studie LAGOON vergleicht Lurbinectedin als Monotherapie oder in Kombination mit Irinotecan mit einer Standardtherapie (Topotecan oder Irinotecan) bei Patienten mit rezidiviertem kleinzelligem Lungenkrebs.

Mit Ecubectedin (PM14) befindet sich ein weiterer vielversprechender Kandidat in präklinischen und frühen klinischen Studien; er wird unter anderem für die Behandlung von Weichteilsarkomen untersucht.

Zudem wurde eine erste Phase-I/II-Studie mit dem Wirkstoffkandidaten PM54 in Kombination mit Pembrolizumab zur Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenen soliden Tumoren gestartet. Für den Kandidaten PM534 sind ebenfalls Untersuchungen bei soliden Tumoren vorgesehen.

Angesichts des Portfolios scheint es nur eine Frage der Gezeiten zu sein, bis der nächste antitumorale Wirkstoff marinen Ursprungs das Festland erreicht.

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