| Brigitte M. Gensthaler |
| 26.03.2026 09:00 Uhr |
Die Heimat wiedersehen, Freunde und Familie zuhause besuchen: Das wollen viele Migranten. Viele wissen aber nicht, dass dies für sie und vor allem für ihre Kinder gesundheitlich gefährlich sein kann. / © Adobe Stock/lloyd
Rund ein Viertel aller Familien mit minderjährigen Kindern in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Wenn sie ihre Freunde und Verwandten im Ausland oder in ihrem Heimatland besuchen, sprechen Reisemediziner von VFR-Reisenden (visiting friends and relatives). »VFR sind Risikoreisende. Sie sind häufig mit Kindern unter fünf Jahren unterwegs und haben kein oder kaum Risikobewusstsein«, berichtete Dr. Christa Kitz, Würzburg, kürzlich beim Forum »Reisen und Gesundheit« des Centrums für Reisemedizin (CRM).
Die Kinderärztin und Tropenmedizinerin erklärte, warum VFR-Reisende im Vergleich zu klassischen Touristen ein deutlich erhöhtes Infektionsrisiko haben. »Sie sind fast immer last minute und längere Zeit unterwegs, fahren zur Familie in oft ländliche Regionen, haben intensiven Kontakt zur einheimischen Bevölkerung, essen und leben mit ihnen zusammen.« Da Migranten aus ihrer Perspektive nach Hause fahren, seien ihnen mögliche Gefahren nicht bewusst und sie nähmen signifikant seltener eine Reiseberatung in Anspruch. »Die Kinder erkranken häufig schwerer als andere Kinder.«
Der Impfstatus von Migranten unterscheide sich je nach Herkunftsland und oft existiere kein Nachweisdokument, berichtete Kitz. Es seien häufiger Auffrischimpfungen nötig als bei Touristikreisenden. Allerdings kämen viele Personen zu knapp vor der Abreise zum Arzt, sodass keine vollständige Immunisierung mehr möglich sei (Fallbeispiele im Kasten). Aus Angst vor Kosten oder der Annahme, keine Vorsorge zu benötigen, ließen sich VFR-Reisende seltener impfen.
Kinderärzte sollten bei jeder Vorsorgeuntersuchung ab der U3 (in der vierten bis fünften Lebenswoche des Babys) proaktiv fragen, ob die Eltern eine außereuropäische Reise planen und dann eine Reiseberatung anbieten, empfahl Kitz. Impfserien sollten spätestens zehn Tage vor Reiseantritt abgeschlossen sein.
In der Beratung können auch Apothekenteams punkten und zum Beispiel nach Reiseplänen fragen sowie den Impfpass der Eltern prüfen. Fundierte Hinweise zum Impfschutz von VFR-Reisenden gibt auch die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut (RKI). Wichtige Beratungsthemen sind zudem Mücken- und Sonnenschutz, Hygiene, Ernährung, Durchfallbehandlung und die Zusammenstellung der Reiseapotheke. Immer gilt: erst das Sonnenschutzmittel auftragen, 10 bis 15 Minuten warten und danach den Insektenschutz auftragen. Reisende müssen wissen, dass Mückenschutz nicht wasserfest ist. Repellents sollten nur auf exponierter, nicht bekleideter Haut aufgetragen werden. Dünne Kleidungsstücke kann man mit einsprühen. Tropentauglich sind zum Beispiel Diethyltoluamid (DEET) und Icaridin; letztes gibt es in Repellenzien für Kinder ab einem Jahr.
Gemäß einer Übersichtsarbeit von 2025 waren die häufigsten im Ausland erworbenen Krankheiten bei Minderjährigen Giardiose, Tuberkulose, Hepatitis A und Malaria; seltener traten Denguefieber und Typhus abdominalis/Paratyphus auf (DOI: 10.3238/arztebl.m2025.0201). Aufenthalte in Südamerika waren vor allem mit dermatologischen Beschwerden, in Nordafrika und im Mittleren Osten mit Durchfallerkrankungen und in Subsahara-Afrika und Asien mit fieberhaften systemischen Infektionen assoziiert. Auch in dieser Analyse zeigten VFR-Reisende ein erhöhtes Risiko. So traten rund 62 Prozent der reiseassoziierten Plasmodium-falciparum-Malariafälle in dieser Gruppe auf. Bei Langzeitaufenthalten stieg das Risiko für chronische Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, HIV, Hepatitis B und C, Chagas-Krankheit und Helminthosen.
Durch den Verzehr von lokalen Speisen steige das Risiko für Hepatitis A und Typhus, sagte die Tropenmedizinerin. In Deutschland geborene Kinder von VFR-Reisenden sollten laut STIKO gegen Hepatitis A geimpft werden. Dies ist ab dem vollendeten ersten Lebensjahr möglich. Kinder können die Viren über längere Zeit ausscheiden und sie damit auch nach Rückkehr in ihrer Umgebung verbreiten.
Gut vorbereitet für die Fernreise / © Getty Images/PeopleImages
Auch bei Kurzreisen, insbesondere auf den indischen Subkontinent, sollten VFR-Reisende gegen Typhus geschützt sein. Allerdings darf der orale Typhusimpfstoff erst ab fünf Jahren gegeben werden; der parenterale Impfstoff ist ab zwei Jahren zugelassen.
Eindringlich wies die Ärztin auf die Meningokokken-Impfung hin. Seit 2024 empfiehlt die STIKO die Standardimmunisierung gegen Meningokokken der Serogruppe B für Säuglinge ab zwei Monaten bis zum 5. Geburtstag. Jugendliche von 12 bis 14 Jahren sollen standardmäßig einmal den quadrivalenten Konjugatimpfstoff gegen die Serogruppen A, C, W und Y bekommen. Die bislang empfohlene monovalente Impfung gegen Men C im Alter von zwölf Monaten entfällt.
Aktuell gebe es keine generelle Empfehlung für den Men-ACWY-Impfstoff für Kleinkinder, aber als Reisimpfung solle er großzügig genutzt werden, empfahl Kitz. »Ich nutze jede Reise als Anlass zur Impfung.« Dies gelte vor allem bei Langzeitaufenthalt oder Reisen in Länder mit epidemischem Vorkommen, zum Beispiel im Meningitisgürtel, einer Region in Subsahara-Afrika, die sich etwa von Senegal im Westen bis nach Äthiopien im Osten erstreckt.
Ebenso plädierte sie für einen breiten Einsatz der Tollwut-Impfung, denn durch den Kontakt mit Tieren im Wohnumfeld sei das Infektionsrisiko erhöht. Die Impfung könne ebenso wie die gegen Hepatitis B ab Geburt gegeben werden.
VFR-Reisende haben ein 8- bis 10-fach höheres Risiko für eine Malaria als Touristen, berichtete Kitz. »Viele denken, sie seien immun gegen Malaria und würden dies an ihre Kinder vererben.« Auch Apothekenteams können Eltern darüber aufklären, dass eine im Heimatland erworbene frühere Teilimmunität oft schon nach sechs Monaten Abwesenheit verloren geht und keinesfalls »vererbt« wird.
Auch wenn die Abwehr von Mückenstichen durch Repellenzien und imprägnierte Moskitonetze oberstes Gebot zur Prophylaxe ist: »Ein Moskitonetz reicht nicht aus in Hochrisikogebieten.« Viele Reisende wüssten nicht, dass es auch eine Chemoprophylaxe für kleine Kinder gibt.
Die Kombination Atovaquon/Proguanil ist für Kinder ab 11 kg Körpergewicht zur Prophylaxe zugelassen (Malarone Junior) und zur Therapie bereits bei Kindern ab 5 kg. Nach Angaben des RKI (Stand März 2024) ist auch die Gabe von Chloroquin und Proguanil möglich (geringere Dosierungen laut Angaben der Hersteller). Doxycyclin darf erst ab dem neunten Lebensjahr verordnet werden.
Kinderärztin Dr. Christa Kitz, Würzburg, stellte zwei Beispiele aus ihrer Praxis vor.
Eine indische Familie wollte mit ihrem drei Monate alten Säugling für drei Monate nach Indien fahren, um das Kind der Familie vorzustellen. Die Eltern hätten gefragt, ob sie die nächste U-Untersuchung verschieben könnten. In einem neu angesetzten Beratungstermin müssten das genaue Reiseziel und der Impfschutz geklärt werden, sagte die Ärztin.
Sie empfehle für das Kind alle in diesem Alter möglichen Grundimmunisierungen, zusätzlich den Impfschutz vor Meningokokken (MenACWY), Japanischer Enzephalitis und Tollwut. Anzuraten sei eine BCG-Impfung des Kindes in Indien, die vor tuberkulöser Meningitis, früher Aussaat der Erreger über das Blut in den Körper (Miliartuberkulose) und sekundär vor Lepra schützt. Auch der Impfschutz der Eltern sei zu prüfen. Ihnen seien Impfungen gegen Hepatitis A und B, Typhus, Japanische Enzephalitis, Tollwut, MenACWY und Influenza anzubieten, gegebenenfalls auch gegen Dengue-Fieber und Chikungunya.
Zweites Beispiel: Eine Familie aus dem Kongo möchte mit ihrem fünf Monate alten Kind für mehrere Monate nach Hause fahren. Die Mutter soll noch rasch gegen Gelbfieber geimpft werden. Neben den Grundimpfungen empfehle sie für den Säugling den Schutz vor Gelbfieber, MenACWY und Tollwut sowie eine Malaria-Prophylaxe, sagte Kitz. Allerdings ist der Gelbfieber-Lebendimpfstoff bei Kindern unter sechs Monaten kontraindiziert und darf nur in Ausnahmefällen im Alter von sechs bis acht Monaten verabreicht werden. Auch hier sei der Impfschutz der Erwachsenen zu prüfen und gegebenenfalls zu ergänzen.
Hinweis: Eine Gelbfieber-Impfung ist laut WHO formal lebenslang gültig und wird so im Impfpass dokumentiert. Sind zehn oder mehr Jahre seit der Erstimpfung vergangen, rät die STIKO jedoch vor erneuter oder bei fortgesetzter Exposition zu einer einmaligen Auffrischung.