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Psyche

Wenn der Lockdown Kinder krank macht

Immer mehr Schüler verweigerten sich dem Unterricht komplett, tauchten ab und seien nicht mehr erreichbar, erklärt der Landesverband Schulpsychologie Baden-Württemberg. Manche brächen gar die Schule ab – und viele Hilfsangebote griffen derzeit nicht. «Wir schieben eine Bugwelle an Beratungen und Testungen vor uns her.» Zwar gebe es telefonische und digitale Beratungen. Doch manches gehe eben nur in Präsenz: etwa interaktive Methoden zur Konfliktlösung oder Hilfe bei Prüfungsangst, oder Testungen bei Rechenschwäche oder Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben.

Ein zentrales Problem für viele Schüler im Fernunterricht ist es nach Expertensicht, sich immer wieder selbstständig aufzuraffen. «Für eine hohe Motivation ist es nämlich wichtig, dass sich Schülerinnen und Schüler sozial eingebunden fühlen», sagt Jörg Wittwer, Professor für Empirische Lehr- und Lern-Forschung an der Universität Freiburg. Diese Eingebundenheit sei wegen der Corona-Einschränkungen stark beeinträchtigt. Damit Lernen im Lockdown dennoch gelingen könne, sei es wichtig, dass Schüler trotz allem eine aktive Rolle übernehmen könnten, zum Beispiel, indem sie Erklärvideos für ihre Mitschüler aufnähmen. Lernmaterialien müssten unmittelbar verständlich sein, sagt Wittwer. Zudem sollte das Lehrpersonal den Schülerinnen und Schülern den Nutzen des Lernstoffs für die eigene Lebenswelt verdeutlichen.

Besonders schwierig dürfte das bei den Jüngsten sein. Eine Grundschullehrerin aus dem Ortenaukreis berichtet, dass ausgerechnet ihre schwächeren Schüler weiter abgehängt würden. Zuhause fehlten oft die Unterstützung, der Platz zum Lernen oder schlicht passende Geräte. «Ich sehe großes Leid in den Familien.» Manche Erstklässler könnten nach ihren wenigen Monaten Präsenzunterricht noch nicht den Stift korrekt halten und wüssten nicht, wo man im Schulheft schreibt und wo nicht. Lesenlernen sei aus der Distanz quasi unmöglich.

Bei älteren Schülern sieht der Kinderschutz-Verein «Initiative Familien» wieder ein anderes Problem: Kinder der höheren Klassenstufen hätten keinen Anspruch auf Notbetreuung. Viele von ihnen seien deshalb seit Wochen stundenlang täglich allein zuhause. «Da passiert vielleicht nichts Schlimmes, aber das ist eine Wahnsinnsüberforderung», sagt Zarah Abendschön-Sawall, Landessprecherin der Initiative, die sich nach eigenen Angaben während der Corona-Pandemie gegründet hat. Die Kinder – 12, 13, 14 Jahre alt – müssten selbst ihren Alltag strukturieren, sich Essen zubereiten, Technikprobleme lösen, damit der Online-Unterricht funktioniere. «Man behandelt diese Kinder, als wären sie Erwachsene.»

Ein Lehrer aus Freiburg, der so oft vor schwarzem Bildschirm unterrichtet, fürchtet Langzeitfolgen. «Dieses Lernen von sozialem Umgang, das hat man jetzt lang nicht gehabt – das Agieren in der Klassengemeinschaft, das persönliche Auseinandersetzen mit Leuten, die einem eher unähnlich sind. Ich könnte mir vorstellen, dass uns das noch jahrelang beschäftigt.»

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