| Daniela Hüttemann |
| 07.10.2026 13:00 Uhr |
Chiralität bedeutet Händigkeit. In der Chemie beschreibt der Begriff, dass sich ein Objekt und sein Spiegelbild nicht durch Drehen oder Verschieben zur Deckung bringen lassen – wie die rechte und die linke Hand. Sie sind spiegelbildlich. / © Getty Images/Westend61/A. Tamboly
Der diesjährige Nobelpreis für Chemie geht an Henri Kagan, emeritierter Professor für Chemie an der Université Paris-Sud, Frankreich, und Kenso Soai, emeritierter Professor für Organische Chemie an der Tokyo University of Science, Japan. Sie beschäftigten sich mit chemischen Reaktionen, bei denen vorrangig nur eines von zwei möglichen Enantiomeren entsteht. Sie erhalten den mit 12 Millionen schwedischen Kronen dotierten Preis (circa eine Million Euro) »für die Entdeckung nicht linearer Effekte und Autokatalyse in asymmetrischer organischer Synthese«.
Grundlage ist die Chiralität in der Chemie. Dabei kann ein Molekül in verschiedenen räumlichen Strukturen (Enantiomeren) vorkommen, die sich wie Spiegelbilder zueinander verhalten. Anschaulich gemacht wird das Prinzip mit der linken und rechten Hand.
Chiralität bestimmt unser ganzes Leben, denn Proteine in lebenden Organismen sind ausschließlich aus L-Aminosäuren aufgebaut. Die DNA besteht wiederum nur aus D-Desoxyribose. Die jeweils anderen Formen kommen in der Natur kaum vor. Besonders relevant ist Chiralität auch für Arzneistoffe. Häufig wirkt ein Enantiomer zumindest stärker, während das andere einen schwächeren, keinen oder sogar einen anderen (mitunter unerwünschten) Effekt hat.
Lange Zeit hat man sich gefragt, wie die sogenannte Homochiralität in der Natur entsteht. Die Antwort fanden Kagan und Soai. Henri Kagan fand einen Weg, chemische Reaktionen so zu manipulieren, dass ein Enantiomer in größerer Ausbeute entsteht als erwartet (nicht linearer Effekt).
Kenso Soai gelang es dann, die erste chemische Reaktion so zu designen, dass fast ausschließlich ein Enantiomer entstand. »Abgesehen vom Leben selbst hatte noch niemand zuvor diese Leistung vollbracht«, schreibt das Nobelpreis-Komitee.
Die Soai-Reaktion sei »eines der spektakulärsten chemischen Experimente, die je durchgeführt wurden.« Bei Verwendung geringer Mengen eines Katalysators mit niedrigem Enantiomerenüberschuss entsteht dabei ein Produkt mit hohem Enantiomerenüberschuss. Dabei werden die ersten entstehenden Enantiomere zu ihrem eigenen Katalysator, der die Reaktion in ihre Richtung begünstigt.
Wer es genau wissen will: Die Soai-Reaktion ist eine Alkylierungsreaktion von Pyrimidin-5-carbaldehyd mit Diisopropylzink, bei der der entstehende Pyrimidylalkohol als extrem starker Autokatalysator wirkt.
»Weltweit versuchen Forscher nun, Soais Erfolg zu wiederholen, allerdings mit dem Ziel, homochirale Aminosäuren und Zucker herzustellen«, heißt es in einer Pressemitteilung der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften.
Die Soai-Reaktion, bei der ein chiraler Katalysator sich selbst bildet. Es handelt sich um eine Alkylierungs-Reaktion von Pyrimidin-5-carbaldehyd mit Diisopropylzink / © The Royal Swedish Academy of Sciences/Johan Jarnestad