| Jennifer Evans |
| 06.10.2026 07:00 Uhr |
Alter ist hörbar: Forschende haben herausgefunden, dass Tonhöhe sowie Emotion in der Sprache Indikatoren für schnelleres Altern sind. / © Shutterstock/pics five
Die Stimme verrät uns viel – zumindest, wenn es um Altern geht. Ein Forschungsteam hat nun eine sogenannte Sprachuhr entwickelt, die aus einer vierminütigen Sprachprobe das chronologische Alter einer Person berechnet. Für die Studie analysierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehr als 700 Sprachmerkmale, darunter Sprechgeschwindigkeit, Pausen, Wortschatz, Tonhöhe und den emotionalen Ausdruck der Stimme.
Insgesamt werteten die Forschenden Sprachaufnahmen von knapp 3000 lateinamerikanischen Menschen aus Argentinien, Chile, Kolumbien, Mexiko und Peru aus. Neben gesunden Personen nahmen auch Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung, Alzheimer oder anderen Demenzformen teil.
Algorithmen des maschinellen Lernens berechneten dann für jede Person eine sogenannte Sprach-Alterslücke. Das ist die Differenz zwischen dem chronologischen Alter und dem, das sich aus der Sprache ableiten lässt. Je größer diese Lücke, desto häufiger zeigten sich kognitive Defizite. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift »Science Advances« erschienen.
Die Geschwindigkeit, mit der die Menschen sprachen oder Pausen machten, sowie die Wörter, die sie zur Vermittlung von Informationen nutzten, waren demzufolge die stärksten Prädiktoren für ein langsameres Altern. Dagegen standen eine veränderte Tonhöhe und ein anderer emotionaler Klang mit beschleunigtem Altern in Zusammenhang.
Der Sprachuhr gelang es auch, Unterschiede zwischen den Krankheitsgruppen zu erkennen. Während sie gesunde Teilnehmende meist in ein Sprachalter einstufte, das ihrem Lebensalter entsprach, bewertete das Modell die Sprache von Menschen mit Demenz oder anderen kognitiven Störungen deutlich älter.
Der Abgleich mit Biomarkern bestätigte die Beurteilung der Sprachuhr. Höhere Werte des Alzheimer-Markers p-Tau217 gingen demnach genauso mit größeren Sprach-Alterslücken einher wie Veränderungen in epigenetischen Alterungsmarkern und bildgebenden Verfahren des Gehirns.
Die Sprachuhr reiht sich in andere Alterungsuhren ein, wie beispielsweise die Entzündungsuhr, die das Niveau chronischer Entzündungen im Körper misst, oder die epigenetische Uhr auf Basis von DNA-Methylierungsmustern. Der Vorteil der Sprachuhr ist nach Auffassung des Autorenteams jedoch, dass sie ohne Blutabnahmen und Scans auskommt. Sie sehen daher großes Potenzial für Früherkennung über viele Bevölkerungsgruppen hinweg. Zunächst müssen aber Langzeitstudien zeigen, ob sie tatsächlich Demenzerkrankungen solide vorhersagen kann.