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Modellierungen

Welche Inzidenz können wir uns leisten?

Mit steigender Impfquote gegen das Coronavirus ist mit einem Rückgang der Hospitalisierungsrate zu rechnen. Höhere Inzidenzen sind daher verkraftbar, ohne das Gesundheitssystem zu überlasten. Die Frage ist nur: wie hoch?
Annette Rößler
27.07.2021  18:00 Uhr

Eine vielzitierte Aussage von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dieser Tage ist »200 ist das neue 50.« Der Minister bezog sich dabei auf die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner. Wo im Herbst noch bei Erreichen von 50 strengere Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens greifen mussten, seien mit Fortschreiten der Impfkampagne 200 tolerierbar, sollte das heißen.

Wie solche Zahlen zustande kommen, erklärte heute Professor Dr. Andreas Schuppert von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen in einem Pressebriefing des »Science Media Center«. Er hat verschiedene Modellierungen zum weiteren Verlauf der Pandemie vorgelegt. Die zu erwartende Auslastung der Krankenhäuser und Intensivstationen hänge einerseits von der Impfquote und andererseits vom Anteil der hospitalisierten beziehungsweise intensivpflichtigen Patienten im Fall einer Infektion ab. »In Deutschland ist eine erschreckend hohe Zahl an Menschen bisher nur schwach geschützt«, sagte Schuppert. Bei insgesamt 20 Millionen Menschen bestehe das Risiko, dass sie auf einer Intensivstation behandelt werden müssten, wenn sie sich mit dem Coronavirus infizieren.

In Großbritannien, das in den vergangenen Wochen als eine Art Glaskugel für die hiesige Situation gedient hat, beobachte man derzeit anteilig einen deutlichen Rückgang der Hospitalisierungen trotz hoher Inzidenzen. Verglichen damit seien die Modelle für die Situation in Deutschland pessimistisch. Schuppert nannte dafür zwei Gründe: »In Großbritannien wurde in den vulnerablen Altersgruppen ein höherer Infektionsschutz erreicht als in Deutschland. Außerdem betrifft ein großer Teil der Infektionen zurzeit jüngere Altersgruppen. Von diesen Annahmen können wir in Deutschland im weiteren Verlauf leider nicht unbedingt ausgehen.«

Professor Dr. Reinhard Busse von der Technischen Universität (TU) Berlin präsentierte Zahlen, die belegen, dass die Hospitalisierungsrate aller Coronainfizierten in Deutschland zwar von 6,0 Prozent in der ersten Welle über 2,3 Prozent in der zweiten Welle auf 2,0 Prozent in der dritten Welle gesunken ist. Sie lag damit aber immer noch deutlich über der Rate in verschiedenen anderen europäischen Ländern. 

Die vergleichsweise hohe Hospitalisierungsrate in Deutschland betreffe allerdings nicht nur Covid-19: »Das ist bei allen Krankheiten so. Wir haben 50 Prozent höhere Hospitalisierungsraten, gegenüber ausgewählten Ländern wie Dänemark beträgt der Unterschied sogar Faktor 2.« Hierfür gebe es verschiedene Gründe; es gehe um die Finanzierung der Krankenhäuser, darum, dass die Ärzte ihren Weiterbildungskatalog erfüllen müssten, und dass nachts in der Notaufnahme vor allem jungen Ärzte Dienst hätten, die einen Patienten im Zweifel eher aufnehmen als ein erfahrenerer Arzt. In Deutschland suchten zwar nicht mehr Patienten als in anderen Ländern die Notaufnahme auf, sie würden aber andernorts mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder nach Hause geschickt als hierzulande.

Welche Inzidenzen sind nun also für das deutsche Gesundheitssystem verkraftbar? Sie sind bei fortschreitender Durchimpfung laut Schupperts Modell auch von der Wirksamkeit der Impfstoffe abhängig. Denn bei nicht 100-prozentiger Wirksamkeit eines Impfstoffs steige die Wahrscheinlichkeit, dass auch vollständig Geimpfte sich infizieren. Das sei beispielsweise gerade in Großbritannien zu beobachten, wo verstärkt der Coronaimpfstoff Vaxzevria® von Astra-Zeneca eingesetzt worden sei. »In diesem Fall werden wir mehr Infektionen sehen, die aber dann milde verlaufen. Wir können dann eine höhere Inzidenz formal verkraften, weil sie nicht auf die Intensivstation durchschlägt«, erklärte Schuppert. 

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