Pharmazeutische Zeitung online
Ramadan

Was Patienten mit Diabetes beim Fasten beachten sollten

Etwa 100.000 der in Deutschland lebenden 4,7 Millionen Muslime leiden unter Diabetes mellitus Typ 2. Obwohl sie von der Vorgabe, während des Ramadans zu fasten, befreit sind, machen sie von dieser Ausnahme oftmals keinen Gebrauch.
Christiane Berg
28.04.2020  11:50 Uhr

Denn der Ramadan ist für viele mehr als eine religiöse Pflicht. Der Fastenmonat gibt der Glaubensgemeinschaft Zusammenhalt. Gerade jetzt, während der Corona-Pandemie, könne er die Gemeinschaft noch zusätzlich stärken, so Dr. Mahmoud Sultan, Mitglied der Arbeitsgruppe »Diabetes und Migranten« der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Der Ramadan hat in diesem Jahr am Abend des 23. Aprils begonnen und endet am Abend des 23. Mais.

Der durch den Ramadan stark veränderte Tag-Nacht-Rhythmus gehe jedoch mit großen Herausforderungen für die Therapie einher. Wer als gläubiger Muslim trotz Diabetes mellitus am Ramadan-Fasten teilnehmen möchte, sollte daher einige Vorsichtsmaßnahmen beachten, warnte der niedergelassene Diabetologe in einer Mitteilung der DDG. So sei durch das Ramadan-Fasten das Risiko für zum Teil schwere Hypoglykämien um das Siebenfache erhöht. Ausgeschlossen werden müsse zudem, dass es beim abendlichen Fastenbrechen zu Hyperglykämien kommt.

Gegebenenfalls müsse eine entsprechende Therapieumstellung oder Anpassung der Medikation vorgenommen werden, wobei Antidiabetika wie Metformin, DPP-4- oder SGLT-2-Inhibitoren beziehungsweise GLP-1-Analoga zumeist unverändert weiter eingenommen werden könnten. Eine Modifikation könne insbesondere bei stark abweichender Kalorienzufuhr oder schwerer körperlicher Arbeit angezeigt sein.

Sulfonylharnstoffe im Ramadan erst abends einnehmen

Sulfonylharnstoffe hingegen bergen grundsätzlich ein erhöhtes Risiko für Hypoglykämien und somit für kardiovaskuläre Komplikationen, konstatierte der Mediziner. Sie sollten während des Ramadans nur vor dem Fastenbrechen genommen werden, sagte er. Die medikamentöse Anpassung werde erleichtert, wenn Betroffene beim abendlichen Fastenbrechen möglichst wenig Kohlenhydrate, also nur geringe Mengen zum Beispiel an Brot, Kartoffeln, Reis oder gesüßten Getränken, konsumieren.

Bei einer Insulintherapie sei zur Meidung einer gefährlichen Unterzuckerung über den Tag darauf zu achten, dass insbesondere die morgendliche Dosierung nicht zu hoch angesetzt ist. Fällt der Blutzucker auf Werte unter 70 mg/dl ab oder aber steigt er auf über 300 mg/dl an, ist das Fasten umgehend abzubrechen, hob der Mediziner hervor.

Bei Symptomen der Unterzuckerung (Zittern, Schwitzen/Frieren, Herzrasen, Hunger, Verwirrung oder Kopfschmerzen et cetera) sowie Zeichen der Überzuckerung (Durst, Hunger, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit, Verwirrtheit, Übelkeit/Erbrechen, Bauchschmerzen et cetera) bestehe sofortiger Handlungsbedarf.

Stabile Einstellung schützt vor Komplikationen und Covid-19

Sultan betonte, dass insbesondere Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes, Patienten mit Herz-, Kreislauf- und Nierenerkrankungen beziehungsweise hochbetagte Menschen in einem schlechten Gesundheitszustand zu Komplikationen neigen. Auch berge ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus besondere Gefahren. Aufgrund ihres sehr hohen Gesundheitsrisikos sollten Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 generell vom Fasten Abstand nehmen.

Der Diabetologe machte abschließend deutlich, dass ein durch Fasten entgleister Diabetesstoffwechsel im Falle einer Covid-19-Infektion zu einem sehr viel schwereren Krankheitsverlauf führen kann. Die genaue Kontrolle des Blutzuckerspiegels sei daher im Moment wichtiger denn je. Es empfehle sich, dass Betroffene die Anpassung des Therapie-Schemas rechtzeitig vor Fastenbeginn mit Ihrem Arzt besprechen.

Nähere Informationen bietet die Leitlinie Diabetes and Ramadan der International Diabetes Federation (IDF), die auf die Grundsätze des muslimischen Glaubens abgestimmt ist. Auch auf der Homepage der Deutschen Diabetes Hilfe können sich Betroffene ausführlich zum Ramadan-Fasten informieren.

Mehr von Avoxa