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Pulver, Pflaster, Antikörper
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Was gibt es Neues für Erdnussallergiker?

Der Ausstieg kam jetzt überraschend: Mit Palforzia® wird die bislang einzig verfügbare orale Immuntherapie bei Kindern und Jugendlichen mit Erdnussallergie vom Markt genommen. Auf welche Therapieansätze können Betroffene in Zukunft hoffen?
AutorKontaktElke Wolf
Datum 10.03.2026  07:00 Uhr

Seit rund fünf Jahren gilt Palforzia als Fortschritt in der Behandlung der Erdnussallergie. Die Kapseln oder Beutel mit definiertem Erdnussproteinpulver werden zur oralen Immuntherapie bei Erdnussallergie im Alter zwischen 4 und 17 Jahren eingesetzt. Das Pulver wird mit einer cremigen oder breiigen Nahrung wie Fruchtmus, Joghurt oder Milchreis gemischt und möglichst immer zur gleichen Tageszeit eingenommen. Die verabreichte Dosis wird schrittweise unter ärztlicher Begleitung hochgefahren.

Jetzt geht das Präparat vom Markt. Um laufende Therapien sicherzustellen, gelten folgende Übergangsfristen:

  • Die Packung zur initialen Aufdosierung ist noch bis 31. März 2026 verfügbar. Danach sollen keine neuen Patienten mehr neu auf Palforzia eingestellt werden.
  • Die Dosissteigerungsstufen 1 bis 11 sind voraussichtlich bis Dezember 2026 erhältlich, um begonnene Therapien kontrolliert fortzuführen.
  • Die Erhaltungsdosis von 300 mg wird bis März 2027 verfügbar sein.

Der Deutsche Allergie- und Asthmabund (DAAB) bezeichnete dies – vor allem in Ermangelung alternativer Therapieoptionen – als deutlichen Rückschritt in der Versorgung der Betroffenen. Schließlich ist sie mit 0,8 bis 3 Prozent Betroffenen die häufigste Nahrungsmittelallergie bei Kindern und auch die häufigste Ursache für lebensbedrohliche anaphylaktische Reaktionen im Kindesalter. Während die meisten Nahrungsmittel erst ab einer bestimmten Menge allergische Reaktionen auslösen, reichen bei der Erdnuss mitunter schon wenige Mikrogramm aus, um lebensbedrohliche Symptome hervorzurufen. Dazu kommt: Im Gegensatz zu anderen Lebensmittelallergien, die sich mit der Zeit oft abschwächen, besteht die Erdnussallergie ein Leben lang fort. Deshalb ist das Allergen streng zu meiden.

Das Konzept der frühen Allergenexposition – potenzielle Allergene sollten frühzeitig in die Beikost integriert werden wie ein Löffelchen Erdnussbutter in den Brei – hat sich zwar bei kleinen Patienten mit moderater bis schwerer atopischer Dermatitis und klinisch relevanter Eiallergie bewährt, ist aber bei Erdnussallergikern aufgrund der extrem niedrigen tolerablen Menge nicht ohne Weiteres in die Praxis umzusetzen. Der DAAB fordert mehr weltweite Forschung für orale Immuntherapien mit natürlichen Lebensmitteln.

Allergen durch die Haut

Ein weiterer Ansatz zur Desensibilisierung, der bereits in einer Phase-3-Studie untersucht wurde, ist eine epikutane Immuntherapie mithilfe eines Pflasters. Betroffene Kinder bekommen dabei täglich ein Pflaster auf die Haut geklebt, das eine konstante Menge an Erdnussprotein enthält. In Studien zeigte sich die Behandlung mit einem Erdnuss-beschichteten Pflaster bereits bei jüngeren Kindern im Alter von einem bis drei Jahren als wirksam. Der Beginn einer Desensibilisierung vor dem Alter von vier Jahren könnte einen größeren Nutzen haben als ein späterer Start.

Nach einem Jahr täglichem Pflasterkleben vertrugen die meisten Kinder im Provokationstest deutlich höhere Allergenkonzentrationen als vor der Behandlung. Wer beispielsweise mehr als 10 mg Erdnussprotein toleriert hatte, sollte nach der Behandlung mindestens 1000 mg Erdnussprotein (etwa drei bis vier Erdnüsse) vertragen können. Dieses Ziel konnte in der Untersuchung bei 67 Prozent der Kinder, die mit dem Erdnusspflaster behandelt worden waren, erreicht werden, in der Placebogruppe bei 33,5 Prozent.

Antikörper gegen IgE

Ein weiterer Ansatzpunkt, das Immungeschehen im Körper runterzudimmen, ist die Verwendung von monoklonalen Antikörpern. Omalizumab (Xolair®) und Dupilumab (Dupixent®) richten sich spezifisch gegen IgE, unterbrechen so die allergische Kettenreaktion und reduzieren außerdem die Aktivität und Anzahl der IgE-Rezeptoren auf der Oberfläche der Mastzellen, sodass weniger freies IgE gebunden werden kann.

Damit ist klar: Die Antikörper heben nur den Schwellenwert für die Menge an Allergen an, die eine Person zu sich nehmen kann, bevor es zu einer Reaktion kommt. Patienten müssen das Allergen also auch weiterhin meiden. Allerdings bieten sie sich deshalb gut als Add-on zur spezifischen Immuntherapie an. Hierzulande ist Omalizumab ist bei allergischem Asthma, chronischer Rhinosinusitis mit Nasenpolypen und chronischer spontaner Urtikaria zugelassen. Die Indikation Erdnussallergie lässt noch auf sich warten. Die FDA-Zulassung für Xolair besteht seit 2024.

Im Mausmodell zeigte sich kürzlich außerdem ein weiterer Ansatz erfolgsversprechend: Ein kovalenter heterobivalenter Inhibitor (cHBI) soll spezifisch an IgE-Antikörper, die gegen die beiden stärksten Erdnussallergene Ara h 2 und Ara h 6 gerichtet sind, binden und dabei eine kovalente Bindung formen. Die IgE-Antikörper können dann dauerhaft bei Kontakt mit den Allergenen keine Histaminausschüttung mehr auslösen. Wirksamkeit und Sicherheit müssen natürlich noch in Studien am Menschen bestätigt werden.

 

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