| Theo Dingermann |
| 18.05.2026 09:00 Uhr |
Im Wissenschaftsjournal »Journal of Addiction Medicine« publiziert ein Team um Professor Dr. Sean Esteban McCabe (ebenfalls vom Center for the Study of Drugs, Alcohol, Smoking and Health der University of Michigan) anhand von Daten des National Survey on Drug Use and Health (NSDUH) mit mehr als 169.000 Befragten die Prävalenz von Kratom-Konsum in den USA zwischen 2021 und 2024.
Mehr als fünf Millionen US-Amerikaner haben demnach Kratom im Laufe ihres Lebens konsumiert, am häufigsten in der Altersgruppe der 21- bis 34-Jährigen, bei denen die Lebenszeitprävalenz 3,40 Prozent und die 12-Monats-Prävalenz 1,01 Prozent betrug.
Kratom ist das Blattpulver des asiatischen Kratom-Baums (Mitragyna speciosa). Problematisch ist das Mittel auch deshalb, da das enthaltene Alkaloid Mitragynin ein Hemmstoff von Cytochrom-P450-Isoenzymen, darunter auch CYP2D6 und CYP1A2, ist. Arzneimittel oder Medizinprodukte mit Kratom gibt es in Deutschland offiziell nicht. Zudem warnt das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ausdrücklich vor der Anwendung von Kratom.
Produkte wie 7-OH oder 7-Hydroxymitragynin, ein synthetisches Mitragynin-Derivat, werden häufig an Tankstellen, in Tabakläden und online in Form von Tabletten, Gummibärchen und Getränken verkauft. Diese sollen fünf- bis fünfzigmal stärker wirken als herkömmliches Kratom. Manchmal wird es gar als »legales Morphin« vermarktet.
Besonders auffällig ist das psychiatrische und substanzbezogene Risikoprofil der Konsumentinnen und Konsumenten: Unter jenen, die Kratom in den vergangenen Jahren konsumiert hatten, erfüllten mehr als die Hälfte (52,8 Prozent) die Kriterien einer Substanzkonsumstörung, knapp 38 Prozent litten unter ernsthafter psychischer Belastung und mehr als 65 Prozent berichteten von gleichzeitigem Cannabiskonsum.
Eine multivariate Regressionsanalyse ergab, dass sowohl früherer als auch aktueller Kratom-Konsum mit deutlich erhöhter Wahrscheinlichkeit für eine Substanzkonsumstörung assoziiert war, ebenso wie mit schweren Depression und Suizidgedanken.
Die Studie unterstreicht, dass Kratom-Konsum in der klinischen Einschätzung nicht als isoliertes Phänomen betrachtet werden darf, sondern als möglicher Indikator für ein komplexes psychiatrisches und suchtmedizinisches Belastungsbild.
Beide Studien nutzen repräsentative Daten und schließen bedeutende epidemiologische Lücken. Gemeinsam zeigen sie, dass Substanzkonsum unter US-Amerikanern dynamischen gesellschaftlichen Prozessen unterliegt, die weder allein durch Verbote noch durch Risikoaufklärung allein adressierbar sind.
Für die klinische Praxis bedeutet das unter anderem, dass Screening auf Kratom-Konsum in suchtmedizinischen und psychiatrischen Settings zur Routine werden sollte. Bei jugendlichen Sportlerinnen und Sportlern sollte der Konsum von Kreatin und anderen leistungssteigernden Präparaten routinemäßig angesprochen werden.