Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Kratom, Kreatin, Anabolika
-
Was bei jungen Amerikanern im Trend liegt

Muskelaufbau und körperlicher Leistungsoptimierung sind zunehmend Thema für amerikanische Teenager und junge Erwachsene. Obwohl davon abgeraten wird, setzen viele auf Supplements wie Kreatin und Kratom.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 18.05.2026  09:00 Uhr

In einer Publikation im Fachjournal »Annals of Epidemiology« analysieren Professor Dr. Phil Veliz vom Center for the Study of Drugs, Alcohol, Smoking and Health der University of Michigan und Kollegen Langzeitdaten des »Monitoring the Future«-Surveys (2001–2024) mit knapp 875.000 Schülerinnen und Schülern der achten, zehnten und zwölften Jahrgangsstufe.

Die Befunde belegen eine gegenläufige Entwicklung: Während der Anabolika-Konsum unter Jugendlichen seit zwei Jahrzehnten deutlich rückläufig ist – von 1,99 Prozent (2001–2002) auf 0,67 Prozent (2023–2024) –, hat sich die Einnahme von Kreatin in den letzten fünf Jahren nahezu verdoppelt. Dieser stieg von 8,71 Prozent auf 16,57 Prozent bei Jungen und von 1,22 Prozent auf 3,27 Prozent bei Mädchen.

Die wahrgenommene Verfügbarkeit von Anabolika ist zwar gesunken (von 36,95 Prozent auf 17,94 Prozent), doch auch die Wahrnehmung der Schädlichkeit hat abgenommen. Dies trifft vor allem für Jungen zu, bei denen der Anteil derer, die Steroidkonsum als »großes Risiko« einschätzen, von 60,15 Prozent auf 48,80 Prozent fiel. Die Missbilligung von Steroidkonsum bleibt zwar mehrheitlich bestehen (84,15 Prozent im Zeitraum 2023–2024), hat aber gegenüber 2001–2002 ebenfalls leicht nachgelassen.

Die Forschenden interpretieren dies als Hinweis auf eine sich verschiebende Normstruktur rund um Muskelaufbau und körperliche Leistungsoptimierung. Diese wird vermutlich durch Social-Media-Inhalte verstärkt, die Muskelideale und eine Fitness-Supplement-Kultur prominent bewerben.

Angesichts fehlender Langzeitdaten zur Kreatin-Sicherheit bei Minderjährigen und einer Pädiatrie-Leitlinie, die von der Anwendung unter 18 Jahren abrät, fordern die Autoren eine stärkere Integration von Körperbildthemen und leistungssteigernden Substanzen in schulische und sportliche Präventionsprogramme.

Kratom: Wachsender Konsum mit psychiatrischer Komorbidität

Im Wissenschaftsjournal »Journal of Addiction Medicine« publiziert ein Team um Professor Dr. Sean Esteban McCabe (ebenfalls vom Center for the Study of Drugs, Alcohol, Smoking and Health der University of Michigan) anhand von Daten des National Survey on Drug Use and Health (NSDUH) mit mehr als 169.000 Befragten die Prävalenz von Kratom-Konsum in den USA zwischen 2021 und 2024.

Mehr als fünf Millionen US-Amerikaner haben demnach Kratom im Laufe ihres Lebens konsumiert, am häufigsten in der Altersgruppe der 21- bis 34-Jährigen, bei denen die Lebenszeitprävalenz 3,40 Prozent und die 12-Monats-Prävalenz 1,01 Prozent betrug.

Kratom ist das Blattpulver des asiatischen Kratom-Baums (Mitragyna speciosa). Problematisch ist das Mittel auch deshalb, da das enthaltene Alkaloid Mitragynin ein Hemmstoff von Cytochrom-P450-Isoenzymen, darunter auch CYP2D6 und CYP1A2, ist. Arzneimittel oder Medizinprodukte mit Kratom gibt es in Deutschland offiziell nicht. Zudem warnt das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ausdrücklich vor der Anwendung von Kratom.

Produkte wie 7-OH oder 7-Hydroxymitragynin, ein synthetisches Mitragynin-Derivat, werden häufig an Tankstellen, in Tabakläden und online in Form von Tabletten, Gummibärchen und Getränken verkauft. Diese sollen fünf- bis fünfzigmal stärker wirken als herkömmliches Kratom. Manchmal wird es gar als »legales Morphin« vermarktet.

Oft bleibt es nicht bei Kratom allein

Besonders auffällig ist das psychiatrische und substanzbezogene Risikoprofil der Konsumentinnen und Konsumenten: Unter jenen, die Kratom in den vergangenen Jahren konsumiert hatten, erfüllten mehr als die Hälfte (52,8 Prozent) die Kriterien einer Substanzkonsumstörung, knapp 38 Prozent litten unter ernsthafter psychischer Belastung und mehr als 65 Prozent berichteten von gleichzeitigem Cannabiskonsum.

Eine multivariate Regressionsanalyse ergab, dass sowohl früherer als auch aktueller Kratom-Konsum mit deutlich erhöhter Wahrscheinlichkeit für eine Substanzkonsumstörung assoziiert war, ebenso wie mit schweren Depression und Suizidgedanken.

Die Studie unterstreicht, dass Kratom-Konsum in der klinischen Einschätzung nicht als isoliertes Phänomen betrachtet werden darf, sondern als möglicher Indikator für ein komplexes psychiatrisches und suchtmedizinisches Belastungsbild.

Beide Studien nutzen repräsentative Daten und schließen bedeutende epidemiologische Lücken. Gemeinsam zeigen sie, dass Substanzkonsum unter US-Amerikanern dynamischen gesellschaftlichen Prozessen unterliegt, die weder allein durch Verbote noch durch Risikoaufklärung allein adressierbar sind.

Für die klinische Praxis bedeutet das unter anderem, dass Screening auf Kratom-Konsum in suchtmedizinischen und psychiatrischen Settings zur Routine werden sollte. Bei jugendlichen Sportlerinnen und Sportlern sollte der Konsum von Kreatin und anderen leistungssteigernden Präparaten routinemäßig angesprochen werden.

THEMEN
Depression
Mehr von Avoxa