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DPhG-Kongress

Von der Theorie zur Praxis

Am Mittwoch wurde der diesjährige Kongress der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG) offiziell in Hamburg eröffnet. Das Programm unter dem Motto »Struktur, Funktion und Applikation« zeigt die ganze Bandbreite der pharmazeutischen Forschung.
Daniela Hüttemann
02.10.2018
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Mehr als 400 Studenten, Doktoranden, Professoren und interessierte Apotheker nehmen in diesem Jahr am Kongress teil. Bei der Begrüßung freute sich Tagungspräsident Professor Dr. Wolfgang Maison über die zahlreichen etablierten wissenschaftlichen Kollegen und Nachwuchswissenschaftler. Gerade den jüngeren Teilnehmern soll der Kongress die Chance geben, sich zu präsentieren und zu vernetzen. Doktoranden stellen bei Posterpräsentationen mit Shorttalks ihre Ergebnisse vor, während Postdocs und und junge Arbeitsgruppen-Leiter ohne Professorentitel in zwei eigenen Sessions zum Zuge kommen. Der DPhG sei es ein wichtiges Anliegen, den Pharmazie-Nachwuchs in Deutschland zu fördern, so Maison.   

»Die Jahrestagung ist eine Art Leistungsschau für unser Fach, aber auch ein Familientreffen«, begrüßte der amtierende DPhG-Präsident Professor Dr. Stefan Laufer die Teilnehmer. Besonders herzlich zu ging es dann auch bei der anschließenden Verleihung der Elsa-Ullmann-Medaille für nachhaltige Verdienste um die DPhG sowie herausragende Verdienste um die Weiterentwicklung des pharmazeutischen Berufsstands.

Preisträger Professor Dr. Peter Dilg aus Marburg erzählte in seiner sehr persönlichen Dankesrede, dass die Namensgeberin der Medaille, die Technologin Professor Dr. Elsa Ullmann, ihn sogar im Staatsexamen geprüft hat. Dilg habe als Professor für Pharmaziegeschichte legendäre Werke verfasst, so Laudator Laufer. 22 Jahre lang war Dilg Vorstizender der Fachgruppe Pharmaziegeschichte der DPhG und auch Initiator des Bürgersymposiums, das im Vorfeld der diesjährigen Tagung bereits am Dienstag stattfand (Bericht folgt).

Ebenfalls mit der Elsa-Ullmann-Medaille wurde Professor Dr. Elisabeth Stahl-Biskup ausgezeichnet. Die Hamburger Professorin könne auf ein jahrzehntelanges Engagement für die DPhG-Landesgruppe zurückblicken, sei erfolgreiche Lehrbuchautorin und sehr aktiv in der Fortbildung für Apotheker gewesen, lobte Laufer. Die sichtlich erfreute Stahl-Biskup betonte in ihren Dankesworten, dass sie immer mit Herzblut aus-, fort- und weitergebildet habe und auch nach der Emeritierung gern weiter aktiv sei.

Genschere im Einsatz

Nahtlos ging die Tagung ins wissenschaftliche Programm über. Den Anfang machte ein Plenarvortrag über die Genschere CRISPR/Cas9. Professor Dr. Lucie Carrier vom Institut für Experimentelle Pharmakologie und Toxikologie am UKE Hamburg gab einen Überblick über die Entdeckung und Anwendungsmöglichkeiten dieses einfachen, schnellen und präzisen Werkzeugs zur Genom-Editierung, das sich in den vergangenen Jahren in Laboren auf der ganzen Welt etabliert hat – auch in ihrer Arbeitsgruppe. Sie und ihr Team untersuchen die Genetik, Pathophysiologie und Therapiemöglichkeiten der hypertrophen Kardiomyopathie. Diese ist die häufigste monogene Herzerkrankung. Etwa einer von 500 jungen Erwachsenen ist betroffen. Sie stellt auch die Hauptursache des plötzlichen Herztods bei jungen Erwachsenen dar.

Bekannt sind mehr als 1000 Mutationen in mindestens 13 verschiedenen Genen. Das am häufigsten betroffene Gen ist MYBPC3. Es kodiert für das Myosin-bindende Protein C im Sarkomer. Mithilfe der CRISPR-Cas-Technik hat Carriers Arbeitsgruppe Tiermodelle mit hypertropher Kardiomyopathie entwickelt, was helfen könnte, Therapiemöglichkeiten zu finden. Da es sich um eine monogene Erkrankung handelt, ist grundsätzlich auch vorstellbar, dass sich die Erkrankung irgendwann einmal mit CRISPR/Cas behandeln lässt.

Tuberkulose-Wirkstoffe aus dem Uni-Labor

Wie sich neue Arzneistoffe an der Universität (zumindest präklinisch) entwickeln lassen, zeigte der Apotheker Professor Dr. Bernd Meibohm von der University of Tennessee in Memphis am Beispiel der Spectinamide. Dabei handelt es sich um semisynthetische, optimierte Derivate des Naturstoffs Spectinomycin, ein Aminoglykosid-Antibiotikum aus Streptomyceten. Spectinomycin selbst kommt intravenös zur Behandlung der Gonorrhö zum Einsatz, insbesondere als Alternative zu Penicillin. Es bindet an die 30S-Unterheit der bakteriellen Ribosomen und blockiert so die Proteinbiosynthese der Bakterien.

Bei Mycobacterium tuberculosis kann Spectinomycin zwar die Zellwand des Erregers überwinden, wird jedoch durch eine Effluxpumpe sofort wieder aus der Zelle ausgeschleust und wirkt folglich nicht bei Tuberkulose-Bakterien, erklärte Meibohm. Anders sieht es aus mit den chemisch optimierten Derivaten Lee 1599 und Lee 1810. In In-vitro- und In-vivo-Modellen sind die Leitsubstanzen selektiv gegen Tuberkulose wirksam, ohne die Ribosomen des Wirts zu beeinträchtigen – auch bei resistenten Tuberkulose-Stämmen.

Meibohm und seine Kollegen haben pharmakokinetische/pharmakodynamische Modelle entwickelt und konnten dosisabhängige Effekte der Leitsubstanzen belegen. Sie konnten mithilfe ihrer Modelle auch zeigen, dass die Spectinamide in Kombination mit bereits verfügbaren Tuberkulose-Wirkstoffen synergistisch wirken. Solche pharmakometrischen Ansätze bereits in der Präklinik könnten die Auswahl geeigneter Wirkstoffkandidaten für die klinische Forschung optimieren, so Meibohm, und beispielsweise die Dosisfindung erleichtern.

Cannabinoide in Offizin und Labor

Zu einem Thema »aus dem Herzen derPharmazie« begrüßte Professor Dr. Thomas Efferth aus Mainz die Teilnehmer derKurzvorlesungen zu Cannabinoiden. Zunächst gab Professor Dr. Burkhard Hinz ausRostock einen umfassenden Überblick über die Geschichte, die Inhaltsstoffe, dieWirkweise und die Anwendungsmöglichkeiten von medizinischem Cannabis. Bislangseien etwa 70 Phytocannabinoide aus Cannabis sativa bekannt. Es seien spannendeZeiten für die Cannabis-Forschung, so Hinz. In Bezug auf die medizinischeAnwendung bemerkte Hinz, dass es zwar mehr als tausend Studien zu denverschiedensten Krankheitsbildern gebe, die Qualität jedoch meist eher geringsei, unter anderem aufgrund der geringen Probandenzahl einzelner Studien. Diederzeit aktuellste und umfassendste Übersichtsarbeit hierzu sei die Analyse Cannabis: Potential und Risiken (CaPrRis) , die imAuftrag des Bundesgesundheitsministeriums im November 2017 veröffentlichtwurde.

Hinz stellte auch die verfügbaren Wirkstoffe, Extrakte und Präparate kurz dar. Dabei erinnerte er an ein Statement der DPhG, in der sich die Fachgesellschaft im Juni 2017 gegen die Verwendung von Cannabisblüten und für den Einsatz dosisstandardisierter Fertigarzneimittel und Rezepturen ausgesprochen hatte. »Cannabinoide gehören zum modernen Therapiearsenal, es gibt aber individuelle Unterschiede im Effekt«, betonte Hinz. Er erinnerte daran, dass Cannabinoide in der Regel nicht als erste Wahl in der medikamentösen Therapie gilt. Therapeutisches Potenzial sieht er auch in der Krebstherapie, insbesondere bei Glioblastomen. Bei diesen Hirntumoren scheinen Cannabinoide einen Antitumoreffekt zu erzielen. Darauf weisen präklinische Versuche, Daten aus Tiermodellen sowie auch eine erste klinisch Studien hin. Hinz selbst forscht auf diesem Gebiet.

Kein Cannabis für Kinder und Jugendliche

Über die Auswirkung des missbräuchlichen, regelmäßigen Cannabiskonsums im Kinder- und Jugendalter referierte Professor Dr. Rainer Thomasius, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Leiter der Suchtabteilung am Universitätsklinikum Eppendorf. Er erklärte anhand zahlreicher Studiendaten, wieso seine Fachgesellschaft sich deutlich gegen eine Legalisierung von Cannabis zum Freizeitkonsum ausgesprochen hat. »Bei regelmäßigem Konsum im Jugendalter entwickelt jeder Zweite eine Abhängigkeit«, verdeutlichte Thomasius. Zwei Drittel seiner Patienten kämen aus diesem Grund in die Suchtklinik. Dabei würden die Patienten immer jünger. Neben dem klassischen Cannabis warnte der Suchtmediziner auch vor synthetischen Cannabinoiden, von denen jährlich 50 bis 100 neue Derivate in den Internethandel kämen.

Prospektive Studien hätten gezeigt, dass der frühe, regelmäßige Konsum, also vor dem 25. Lebensjahr, zu deutlichen Hirnveränderungen führt, vor allem in Regionen, die an der Kognition und Emotionsregelung maßgeblich beteiligt sind. Er ist aufgrund von Umfrageergebnissen und Erkenntnissen aus Ländern, wo Cannabiskonsum legalisiert wurde, davon überzeugt, dass das derzeitige Verbot Kinder und Jugendliche maßgeblich vom Konsum abhält oder diesen zumindest begrenzt. »Wir haben hierzulande schon riesige Probleme mit Alkohol und Tabak, das sollten wir nicht noch eine dritte Substanz ausweiten«, warnte der Suchtmediziner. Die Kinder- und Jugendpsychiater seien angesichts der Legalisierungsdebatte in großer Sorge.

Cannabinoide in der Rezeptur

Ganz praktisch wurde es beim letzten Redner, Dr. Holger Reimann, Leiter Pharmazeutisches Laboratorium des NRF. Er stellte die entsprechenden NRF-Monographien vor und gab Tipps für die Umsetzung. Ölige Tropfen sollen zum Beispiel volumetrisch dosiert werden, bevorzugt mit einer Dosierpipette. Das Tropfenabzählen sei zu fehleranfällig.

Noch in diesem Jahr soll das Eingestellte, raffinierte Cannabisölharz DAC (C-054)mit dem THC-Gehalt 5 Prozent als Ausgangsprodukt für eine bereits bestehende NRF-Rezeptur auf den Markt kommen. Dieser flüssige Extrakt sei einfacher zu handhaben als das zähe Dronabinol. Die von der Firma Tilray produzierten, auf THC beziehungsweise THC und CBD eingestellten öligen Nativextrakte ähneln von der Aufmachung her einem Endverbraucherprodukt, dürfen aber als Rezepturausgangsstoffe nicht direkt an den Patienten abgegeben werden. Die Prüfung auf Identität ist nach Herstellerangaben analog zur DAC-Monographie C-054 unter Verwendung von Traubenkernöl (DAC) als Referenz vorzunehmen. Die dünnschichtchromatographische Trennung sollte aber verbessert werden.

Auch Reimann sprach sich gegen die Verwendung von Cannabisblüten aus. Da sie aber derzeit verordnet würden, müssten die Apotheker damit umgehen. Er erinnerte, dass es sich auch bei den Blüten um Ausgangsprodukte für die Rezeptur handle, die nicht einfach ungeöffnet an den Patienten abgeben werden dürfen, sondern noch geprüft und entsprechend den NRF-Monographien gegebenenfalls noch geschnitten und abgeteilt werden müssen. Auch hier gab Reimann einige Tipps für die Dünnschichtchromatografie, den Schnitt und die Dosisabteilung. Hier soll es demnächst kleinere Dosierlöffel für die kleinen Mengen zur Verdampfung geben.

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