Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Gesund.de
-
Versorgungspauschale für Chroniker ist »vertane Chance«

Zum 1. Juli 2026 startet die neue Versorgungspauschale für Chroniker. Die Plattform gesund.de sieht hier jedoch eine verpasste Gelegenheit für Millionen von Patientinnen und Patienten und empfiehlt Schritte zur Entlastung von Apothekern, Chronikern und Ärzten.
AutorKontaktPZ
Datum 30.06.2026  15:30 Uhr

Die Idee der neuen Versorgungspauschale für chronisch kranke Menschen: Wer medikamentös gut eingestellt ist, soll nicht mehr allein wegen eines Folgerezepts jedes Quartal in die Praxis müssen. Das hatte der Bundestag  Ende Januar 2025 im Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GVSG) beschlossen. »Wenn leicht chronisch Kranke nicht mehr alle drei Monate für die Quartalspauschale des Arztes in die Praxis einbestellt werden müssen, wenn zusätzliche Patienten abgerechnet werden können, wird auch wieder mehr Zeit sein für neue Patienten«, sagte der ehemalige Bundesgesundheitsminister Professor Karl Lauterbach (SPD) damals zum Gesetzesbeschluss.

Durch die Regelung sollte die Arztpraxis für die jeweilige Erkrankung eine bis zu vier Quartale umfassende Versorgungspauschale abrechnen. Dadurch sollte das System von überflüssigen Terminen und Wartezeiten entlastet und freie Kapazitäten geschaffen werden.

Doch das Gesetz legte nicht final fest, wie genau die Pauschale aussieht. Die Ausgestaltung passierte im sogenannten Bewertungsausschuss durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und den GKV-Spitzenverband, die sich im März 2026 nach mehrmonatigen Beratungen einigten. Die beschlossene Regelung gilt nur für Erwachsene zwischen 18 und 74 Jahren, die genau eine chronische Erkrankung haben und dafür exakt ein verschreibungspflichtiges Medikament einnehmen. Erfasst sind zudem lediglich vier Krankheitsbilder: Bluthochdruck, Schilddrüsenunterfunktion, idiopathische Gicht und Fettstoffwechselstörung.

»Zusätzliche Arbeit« entsteht

»Wer typische Begleiterkrankungen hat, fällt aus der Regelung heraus. Ein Patient mit Bluthochdruck und gleichzeitig erhöhten Cholesterinwerten muss weiterhin quartalsweise vorstellig werden, um seine elektronische Gesundheitskarte vorzulegen«, kritisierte gesund.de. »Meist ohne jegliche ärztliche Intervention, sondern zu Abrechnungszwecken. Die neue Pauschale bezieht sich zudem nur auf ein halbes Jahr, ursprünglich war eine Jahrespauschale geplant.«

Hinzu komme eine Reihe von Detailregeln, etwa die Frage, ob ein Patient in den Vorquartalen bereits in der Praxis war oder ob ein anderer Facharzt zwischenzeitlich eine weitere chronische Diagnose ergänzt hat. Wenn Hausärztinnen und Hausärzte die neue Regelung anwenden wollen, entstehe damit vor allem eines: »zusätzliche Arbeit«, hieß es seitens der Plattform. Praxen könnten nicht »auf Knopfdruck« herausfinden, welche Patientinnen und Patienten die festgelegten Kriterien erfüllen. Häufig bedürfe es zusätzlicher Abfragen oder Prozesse.

Mehr Potenzial möglich

Aus Sicht von gesund.de geht die Regelung zwar in die richtige Richtung, erreicht in ihrer jetzigen Form jedoch nur einen Bruchteil derjenigen, für die sie gedacht war. Die Plattform empfiehlt deutlichere Schritte hin zur Entlastung von Chronikern, Apothekern und Ärzten. Die Debatte zeige vor allem, wie viel Potenzial ungenutzt bleibe. Wenn digitale Prozesse die Folgerezepte und Routinevorgänge übernehmen, würden alle gewinnen: Patienten sparten sich unnötige Wege, und die lokalen Versorger würden spürbar entlastet.

Rund 54 Prozent der Erwachsenen in Deutschland leben laut Robert Koch-Institut mit einer chronischen Erkrankung. Vielen von ihnen hätte die ursprünglich geplante Pauschale unnötige Wege zur Arztpraxis ersparen können, so gesund.de.

»So gut gemeint die Pauschale ist, sie geht am Praxisalltag vorbei. Die Bedingungen sind so eng gefasst, dass kaum ein Patient sie erfüllt. Statt einer Entlastung entsteht ein zusätzlicher zeitintensiver Prüfaufwand«, kommentierte Annette Rennert, Hausärztin und stellvertretende Vorsitzende des Beirats von gesund.de. »Wenn wir Patienten und Praxisteams wirklich entlasten wollen, müssen wir alltägliche Praxisabläufe einfacher machen, nicht komplexer.«

»Grundidee ist richtig«

»Die Grundidee hinter der Versorgungspauschale ist richtig: Niemand sollte allein aus bürokratischen Gründen mehrfach im Jahr eine Arztpraxis aufsuchen müssen. Die jetzige Umsetzung bleibt jedoch deutlich hinter den Möglichkeiten zurück«, sagte Peter Schreiner, CEO von gesund.de. »Millionen von Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen, die von einer Entlastung besonders profitieren würden, werden von der Regelung nicht erfasst. Aus Sicht einer patientenzentrierten Versorgung ist das eine vertane Chance.«

Dass eine unkomplizierte Lösung möglich ist, zeige das Nachbarland Österreich. Wer dort ein Dauermedikament benötige, fordere das Folgerezept einfach bei der Praxis an, etwa telefonisch, über ein Patientenportal oder per »Rezept anfordern«-Button auf der Website. Die Ärztin oder der Arzt stelle das Rezept elektronisch aus und speichere es im zentralen e-card-System. Ein Praxisbesuch nur für das Rezept entfalle. In der Apotheke könnten Patienten ihr Medikament dann unkompliziert mit der e-card, einem e-Rezept-Code am Handy oder einem Ausdruck einlösen.

Aus Sicht von gesund.de gehören digitale Prozesse, Bürokratieabbau und eine Entlastung von Patienten und der Versorgung vor Ort zusammen.

Mehr von Avoxa