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Parlamentarischer Abend
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Versorgung von Frauen braucht bessere Daten

Geschlecht muss in Registern und in elektronischen Anwendungen verpflichtend, standardisiert und differenziert erfasst und ausgewertet werden. Das war nur eine der Forderungen auf dem Parlamentarischen Abend des Runden Tisches der Frauen im Gesundheitswesen.
AutorKontaktMelanie Höhn
Datum 22.09.2026  16:10 Uhr

Verspätete Diagnosen, vermeidbare Nebenwirkungen oder ungerechte Versorgungsentscheidungen: Die Versorgung von Frauen in Deutschland stützt sich immer noch auf Daten, die an ihrer Realität vorbeigehen. Zu diesem Fazit kamen rund 130 Gäste aus Politik, Wissenschaft, Versorgung und Gesundheitswirtschaft beim gestrigen Parlamentarischen Abend des Runden Tisches der Frauen im Gesundheitswesen in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, wie die Healthcare Frauen heute in einer Mitteilung erklärten.

Unter dem Titel »Von der Datenlücke zur Versorgungsgerechtigkeit: Geschlechtersensibilität als Qualitätsmerkmal« ging es um eine unbequeme Bilanz: Ein Großteil der medizinischen Evidenz in Deutschland sei bis heute nicht nach Geschlecht ausgewertet, obwohl die Folgen längst bekannt sind, hieß es weiter.

Aus der Diskussion leitet der Runde Tisch der Frauen im Gesundheitswesen konkrete Handlungsaufträge ab:

  • Geschlecht muss in Registern und in elektronischen Anwendungen verpflichtend, standardisiert und differenziert erfasst und ausgewertet werden.
  • Kliniken und Kostenträger sollen ihre Versorgungsdaten regelmäßig geschlechtsspezifisch auswerten und veröffentlichen.
  • Deutschland muss den Europäischen Gesundheitsdatenraum nutzen, um Geschlechterdifferenzierung als verbindlichen Qualitätsstandard zu etablieren.

Frauen erleiden Herzinfarkte häufig mit anderen Symptomen als Männer, etwa Übelkeit, Rückenschmerzen oder Erschöpfung statt des klassischen Brustschmerzes, und werden dadurch später oder gar nicht richtig diagnostiziert, so die Healthcare Frauen weiter. Viele Medikamente seien in klinischen Studien überwiegend an Männern getestet worden, mit der Folge, dass Frauen häufiger und stärker von Nebenwirkungen betroffen seien.

»Die Illusion neutraler Daten«

Bei Endometriose würden im Schnitt mehrere Jahre bis zur richtigen Diagnose vergehen, auch weil die Erkrankung in Registern und Leitlinien lange kaum sichtbar gewesen sei. »Geschlechtersensible Versorgung ist kein Spezialthema. Sie ist ein Qualitätsmerkmal guter Medizin. Solange wir relevante Unterschiede nicht systematisch erfassen, werden wir Versorgungslücken nicht schließen können«, erklärte Christiane Groß, Co-Moderatorin des Abends.

In ihrer Keynote »Die Illusion neutraler Daten: Von verzerrter Evidenz zu ungleicher Versorgung« ordnete die Professorin Sylvia Thun, Direktorin der Core Unit eHealth and Interoperability am Berlin Institute of Health der Charité, diese Beispiele in einen größeren Zusammenhang ein. Sie warnte davor, dass sich die Lücke mit der Digitalisierung eher vergrößert als schließt, wenn niemand gegensteuert. »Künstliche Intelligenz in der Medizin lernt aus den Daten der Vergangenheit. Wenn diese Daten Frauen kaum enthalten, übernimmt jedes neue System den blinden Fleck von gestern, nur schneller und in größerem Maßstab«, sagte Thun.

»Gelebt wird Versorgung in den Ländern«

In der Paneldiskussion unter der Moderation von Professorin Clarissa Kurscheid wurde deutlich, an welchen Stellen diese Standards ansetzen müssten. Ursula Nonnemacher, frühere Brandenburger Gesundheitsministerin, richtete den Blick auf die Landesebene: »Der Bund kann Register vorschreiben, gelebt wird Versorgung aber in den Ländern. Ohne verbindliche Vorgaben für Kliniken und Kassenärztliche Vereinigungen bleibt jede Bundesstrategie Theorie.«

Brenya Adjei, Geschäftsführerin der Gematik, zog die Verbindung zur laufenden Digitalisierung der Versorgung: »Mit der elektronischen Patientenakte für alle bauen wir gerade die Dateninfrastruktur für die nächsten zwanzig Jahre. Wenn wir geschlechtsspezifische Auswertbarkeit jetzt nicht mitdenken, schreiben wir die Lücke in die Architektur ein, und dann wird sie richtig teuer zu korrigieren.«

Der Runde Tisch der Frauen im Gesundheitswesen ist ein Bündnis aus aktuell elf Organisationen aus dem Gesundheitswesen, das 2021 mit dem Ziel gegründet wurde, mehr Frauen in Führungspositionen und eine geschlechtergerechte Gesundheitsversorgung durchzusetzen. Mitglieder sind das Berlin Institute of Health (BIH) an der Charité, die #Denkfabrik Apotheke, der Verein Dentista, der Deutsche Ärztinnenbund, der Verein Die Chirurginnen, der Verein Healthcare Frauen, das Institut für Gendergesundheit, die Lady Lobby, Pro Quote Medizin, #SheHealth Women in Digital Health und der Verein Spitzenfrauen Gesundheit.

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