| Sven Siebenand |
| 02.06.2026 14:00 Uhr |
Frauen haben zwei X-Chromosome, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Das zweite X-Chromosom bei Frauen ist zwar abgeschaltet, aber nicht komplett – mit Konsequenzen unter anderem für das Immunsystem. / © GettyImages/ DariaRen
Beim Fortbildungskongress Pharmacon in Meran ging Professor Dr. Frank Behrens vom Universitätsklinikum Frankfurt am Main auf Unterschiede im angeborenen und adaptiven Immunsystem zwischen Frauen und Männern ein. Ein wichtiger Faktor sind die Geschlechtschromosomen. Der Mediziner informierte, dass auf dem X-Chromosom zahlreiche Gene liegen, die an der Regulation des Immunsystems beteiligt sind, beispielsweise Gene für Toll-like-Rezeptoren. Einige dieser Gene können bei der Stilllegung eines der beiden X-Chromosomen (bei Frauen) der vollständigen Inaktivierung entgehen, sind also auf beiden X-Chromosomen aktiv. Frauen verfügen daher teilweise über eine stärkere immunologische Aktivität.
Behrens zufolge beeinflussen auch die Geschlechtshormone die Immunantwort. Zum einen geschehe dies durch epigenetische Modifikationen und daraus folgende Veränderung der Genexpression zum Beispiel von Zytokinen, zum anderen durch direkte hormonelle Veränderungen. Letzteres zeige auch eine Untersuchung des Transkriptoms regulatorischer T-Zellen (Treg) bei Cis-Frauen einerseits und Trans-Männern mit geschlechtsangleichender Hormontherapie andererseits. Behrens: »Das Transkriptom war völlig unterschiedlich, was zeigt, dass es genetisch-unabhängige, hormonabhängige Effekte auf die Treg-Zellen gibt.«
Wie der Mediziner aufzeigte, haben diese biologischen Unterschiede direkte klinische Konsequenzen. So entwickeln Frauen deutlich häufiger Autoimmunerkrankungen als Männer. Beim Sjögren-Syndrom sind beispielsweise 93 Prozent der Betroffenen weiblich und 7 Prozent männlich, beim systemischen Lupus erythematodes lautet die Verteilung 87 versus 13 Prozent. Umgekehrt zeigen Männer bei vielen Virusinfektionen ein höheres Risiko für schwere Krankheitsverläufe und eine höhere Sterblichkeit. Behrens erinnerte in diesem Zusammenhang an die Covid-19-Pandemie.
Professor Dr. Frank Behrens vom Universitätsklinikum Frankfurt am Main / © PZ/ Alois Müller
Auch die klinische Ausprägung, Symptomatik und Wahrnehmung entzündlich-rheumatischer Erkrankungen unterscheiden sich zwischen Frauen und Männern. Als Beispiel zog Behrens die Psoriasis-Arthritis heran. So stünden bei Männern vor allem objektiv messbare strukturelle Veränderungen im Vordergrund. Sie wiesen häufiger eine ausgeprägte Schuppenflechte mit stärkerem Hautbefall auf. Auch Nagelveränderungen träten bei Männern vermehrt und in schwererer Ausprägung auf. Darüber hinaus zeige sich häufiger eine axiale Beteiligung. Insgesamt entwickelten Männer öfter Gelenkschäden – sowohl an peripheren Gelenken als auch an der Wirbelsäule.
Frauen berichteten dagegen bei objektiv gleicher Krankheitsaktivität häufiger über eine stärkere subjektive Krankheitsbelastung. Dazu gehören eine höhere Schmerzintensität, eine ausgeprägtere Fatigue sowie stärkere funktionelle Einschränkungen, die insgesamt zu einer verminderten Lebensqualität führen. Zudem treten Begleiterkrankungen wie Fibromyalgie, Depressionen und Osteoarthritis bei Frauen häufiger auf.
»Die Therapie der Psoriasis-Arthritis richtet sich heutzutage nach der klinischen Ausprägung, nicht nach dem Geschlecht«, stellte der Referent klar. Grundsätzlich, so Behrens, sprechen Männer auf sämtliche zur Verfügung stehenden Therapieprinzipien bei der Psoriasis-Arthritis besser an als Frauen.
Die Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Faktoren gewinnt zunehmend an Bedeutung. Immer mehr Daten zu nach Geschlecht stratifizierten Therapien würden eingefordert und auch erhoben, so Behrens. Er rechnet damit, dass man in drei bis vier Jahren erste geschlechtssensible Therapieempfehlungen abgeben kann. Eine direkte Vergleichsstudie zwischen dem JAK-Inhibitor Upadacitinib und dem TNF-α-Blocker Adalimumab hat zum Beispiel gezeigt, dass Frauen hinsichtlich des Hautansprechens bei Schuppenflechte mehr von dem JAK-Hemmer profitieren und dieses Wirkprinzip bei ihnen möglicherweise vorteilhafter ist als die TNF-α-Blockade.