| Alexandra Amanatidou |
| 20.03.2026 14:00 Uhr |
»Wenn die Apotheke in der Gemeinde offensiv mit ihrem Impfangebot wirbt, muss die nahegelegene Praxis diesen Faktor natürlich bei ihren Impfbestellungen miteinrechnen, um keine Regresse zu riskieren«, teilte der Hausärzte und Hausärztinnen Verband der PZ mit. / © Adobe Stock/RFBSIP
Anders als bei anderen Impfungen müssen Grippeimpfstoffe bereits im Frühjahr für den Herbst vorbestellt werden, damit die Hersteller entsprechend produzieren können. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hatte diese Woche alle Arztpraxen und Apotheken aufgefordert, ihre Bestellungen für die Impfsaison 2026/27 noch vor dem 31. März 2026 abzugeben. Derzeit würden die vorbestellten Impfstoffdosen signifikant vom ermittelten Bedarf für die kommende Saison abweichen. »Für eine bedarfsgerechte Planung und vor dem Hintergrund der mehrmonatigen Herstellung der Grippe-Impfstoffe ist es entscheidend, dass die Bestellungen für die Grippe-Impfstoffe jährlich bereits im März abgeschlossen werden«, so das PEI.
Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband Rheinland-Pfalz nennt Unwägbarkeiten als Grund und macht teilweise die Apotheken dafür verantwortlich. »Diese organisatorische Begründung widerspricht der Realität eines Praxisalltages in der neuen Versorgungslandschaft in Deutschland«, sagt dessen Vorsitzende Barbara Römer. In einer Pressemitteilung teilte der Verband mit, dass keine Praxis seriös kalkulieren könne, wie viele Patientinnen und Patienten in der nächsten Saison zur Grippeimpfung in die Hausarztpraxis kommen werden. Ein Problem sei, dass inzwischen ein breites Portfolio an Impfstellen zur Wahl stünde, darunter auch Apotheken.
»Wenn die Apotheke in der Gemeinde offensiv mit ihrem Impfangebot wirbt, muss die nahegelegene Praxis diesen Faktor natürlich bei ihren Impfbestellungen miteinrechnen«, teilt der Bundesverband der Hausärztinnen und Hausärzte der PZ mit. Wenn nicht alle vorbestellten Impfdosen verabreicht werden können, bleiben Arzt- und Apothekerpraxen auf den Kosten sitzen.
Dagegen wehrt sich Kai Christiansen, Präsident der Apothekerkammer Schleswig-Holstein. Laut dem Apotheker werde das Impfen in Apotheken in Schleswig-Holstein im Einvernehmen mit den Arztpraxen durchgeführt. »Die können sich dann entsprechend vorbereiten. Ein Arzt, dessen Praxis neben einer Apotheke liegt, die gegen Grippe impft, weiß davon und kennt auch die Zahlen aus der letzten Saison, als die Apotheke ebenfalls geimpft hat.« Außerdem komme eine andere Klientel in die Apotheke als in die Arztpraxis. »Die Apotheke spricht eben andere Patientengruppen an, die sich sonst gar nicht hätten impfen lassen.«
Laut aktuellen Daten der Krankenkasse Barmer finden lediglich 0,5 Prozent der Grippeimpfungen in Apotheken statt. Auch der Hausärztinnen- und Hausärzteverband räumt ein, dass das Impfen in Apotheken mit Blick auf ganz Deutschland bislang keinen wesentlichen Einfluss auf die Impfquote und damit vielerorts auf die Bestellungen der Praxen hat. »Aber das kann man natürlich nicht totum pro parte auf die Situation in den einzelnen Regionen übertragen.«
Christiansen erhält Rückenwind von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: »Das Impfen in Apotheken ist so gering zahlenmäßig ausgeprägt, dass dieser Faktor eigentlich nicht sehr stark ins Gewicht fallen sollte.« Auch Miriam Führ, Hausärztin aus Oststeinbek in Schleswig-Holstein und stellvertretende Vorsitzende des dortigen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, sieht die Entwicklung nicht kritisch. »Bei mir spielt das überhaupt keine Rolle. Hier werden eigentlich fast alle entweder von den niedergelassenen Hausärztinnen oder vielleicht auch mal von jungen Fachärzten geimpft«, sagt sie. »Es gibt dennoch einige Kollegen, die nicht mehr Impfstoffe bestellen. Das ist ihnen zu riskant.« Und auch Apotheken sind zurückhaltender geworden, wie Christiansen mitteilt.
Auch der erste Kombinationsimpfstoff gegen Grippe und Covid-19 vom US-Unternehmen Moderna sorgt für Verunsicherung bei den Vorbestellungen. Der mRNA-basierte Impfstoff mCombriax (mRNA-1083) hat von der EMA eine Zulassungsempfehlung für die EU erhalten und soll laut Unternehmen ab Herbst auf dem deutschen Markt verfügbar sein. Laut Christiansen würde dies die Impfung vereinfachen und könnte dazu beitragen, dass die Impfquoten sowohl bei Grippe als auch bei Corona steigen.
Noch hat die EU-Kommission die Zulassung jedoch nicht erteilt. Der neue Kombiimpfstoff verkompliziere die Bestellungen, da er noch nicht bestellbar ist, die normalen Grippeimpfstoffe aber bereits bestellt werden müssen. »Es ist schwierig, wenn der Impfstoff erst in der laufenden Saison dazukommt. Doch zunächst muss das Medikament überhaupt zugelassen werden«, so der Christiansen gegenüber der PZ.
Laut Christiansen bestehe die Gefahr, dass sich Patientinnen und Patienten lieber einmal mit dem neuen Impfstoff impfen lassen möchten statt zwei separate Spritzen zu erhalten. Dann würden Apotheken und Praxen auf den lange vorbestellten Einzelimpfstoffen sitzen bleiben. Auch die Erstattungsfähigkeit muss noch geregelt werden.
Moderna hat sich zum Ziel gesetzt, den Impfstoff zur Atemwegssaison 2026/27 einzuführen. Der genaue Zeitpunkt hänge von den noch ausstehenden regulatorischen Schritten ab. Das Unternehmen sieht den Vorbestellungen gelassen entgegen. »Eine der zentralen Stärken der mRNA-Technologie ist ihre Flexibilität. Sie ermöglicht es uns nicht nur, schnell auf neue Stämme oder Varianten zu reagieren, sondern auch die Produktionsmengen deutlich schneller anzupassen als bei traditionellen Impfstoffplattformen, etwa der eibasierten Herstellung«, so eine Sprecherin des Unternehmens gegenüber der PZ.
Außerdem sei es üblich, dass neue Impfstoffe zum Zeitpunkt der Einführung zunächst nur eine begrenzte Inanspruchnahme erfahren, da eine Erstattung häufig noch nicht etabliert sei. »Die Nachfrage steigt in der Regel nach einer Empfehlung durch die Ständige Impfkommission (STIKO) sowie nach Aufnahme in den Impfkalender beziehungsweise in die Schutzimpfungs Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA).«