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Klinische Studie

Und wieder scheitert eine HIV-Vakzine

Ein vielversprechender Impfstoffkandidat gegen HIV ist in einer Phase-IIb/III-Studie in Südafrika gescheitert. Die Vakzine konnte die Teilnehmer nicht besser vor einer HIV-Infektion schützen als Placebo.
Theo Dingermann
04.02.2020
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Ein großer Feldversuch in Südafrika musste vorzeitig gestoppt werden, da es keinerlei Hinweise für eine Wirksamkeit gab. Das resümierte Professor Dr. Glenda Gray, die Leiterin der Studie und Präsidentin des South African Medical Research Council (SAMRC), tief enttäuscht gegenüber der Nachrichtenseite des Fachmagazins »Science«. »In dieser Studie stecken viele Jahre Arbeit und 104 Millionen Dollar Forschungsmittel. Das ist eine große Enttäuschung«.

Das in Südafrika getestete Präparat basierte auf einem experimentellen Impfstoff, der zunächst in Thailand geprüft worden war und eine Wirksamkeit von rund 30 Prozent gezeigt hatte, wie SAMRC beim Studienstart erklärt hatte. Der Impfstoffkandidat war an den in Südafrika am häufigsten vorkommenden HIV-Subtyp C angepasst worden. Dort hatten rund 5.400 HIV-negative Südafrikaner an der neuen Studie mit dem Prime-Boost-Impfregime  teilgenommen.

Die im Oktober 2016 begonnene doppelblinde, placebokontrollierte Studie war unter der Bezeichnung HVTN 702 oder »Uhambo« registriert (NCT02968849). In dieser vom Medical Research Council (MRC), dem US-amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) und der Bill & Melinda Gates Stiftung finanzierten Studie wurde als primärer Impfstoff ein harmloses Kanarienvogel-Pockenvirus (Canarypox) mit dem Namen ALVAC-HIV eingesetzt, bereitgestellt von Sanofi-Pasteur. In das Genom des Vektors war das gp120-Gen des HIV-Stamms ZM96 verknüpft mit dem gp41-Gen und den Genen für gag und pol einkloniert. Der sogenannte Boost kommt von GSK. Diese Subunit-Vakzine enthielt ein rekombinantes gp120 zusammen mit dem Adjuvanz MF59.

Ziel war es, die Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit des protektiven Impfstoffs bei HIV-seronegativen südafrikanischen Erwachsenen zu bewerten. Als Dauer waren 24 Monate avisiert mit der Möglichkeit einer Verlängerung auf bis zu 36 Monate. 5.407 sexuell aktive Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren hatten an 14 Standorten in Südafrika entweder den Impfstoff oder Placebo erhalten. Die Studie sollte eigentlich bis zum Juli 2022 dauern.

Vorzeitig gestoppt

Am 23. Januar informierte ein unabhängiges Monitoring-Gremium nach einer geplanten Zwischenauswertung die Studienleitung darüber, dass es keinen Sinn habe, die Studie weiterzuführen. Bis zu dieser Entscheidung waren 129 Infektionen in der Verumgruppe und 123 in der Placebogruppe diagnostiziert worden.

Der Misserfolg kam nicht ganz unerwartet. Der Impfstoff war nämlich bereits zuvor im Rahmen eines Prime-Boost-Programms in Thailand eingesetzt worden. In der RV144-Studie, die 2009 ausgewertet worden war, waren insgesamt 51 HIV-Infektionen in der Impfstoffgruppe und 74 im Placebo-Arm aufgetreten – eine Wirksamkeit von 31 Prozent. Fachleute waren sich weitgehend einig, dass dies kein ausreichend hohes Schutzniveau darstellte, um den Impfstoff auf den Markt zu bringen. Ganz abgeschrieben hatte man ihn allerdings noch nicht.

Angesichts der Schwere der HIV-Epidemie in Südafrika mit 7,7 Millionen der weltweit 37,9 Millionen HIV-infizierten Menschen glaubten Gray und ihre Kollegen, dass sich eine neue Studie mit einem modifizierten Impfstoff lohnen würde. Dieser Optimismus hat sich nun leider nicht bestätigt. Die gute Nachricht ist, dass es anders als im Fall einer großen HIV-Impfstoffstudie, die im Jahre 2007 abrupt abgebrochen werden musste, für die aktuelle Studie bisher keine Hinweise darauf gibt, dass der Impfstoff Gesundheitsschäden angerichtet hat.

»Die Menschen in Südafrika haben Geschichte geschrieben bei der Beantwortung dieser wichtigen wissenschaftlichen Frage – auch wenn wir uns eine andere Antwort gewünscht hätten«, sagte Gray. Die anderen Programme zur Bekämpfung des HI-Virus würden fortgesetzt.

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