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Studie in der Kritik

Übertrieben positive Bewertung eines Mund-Nasen-Schutzes

Erneut steht eine prominent publizierte Studie in der Kritik. Wissenschaftler beklagen eine zu einseitig positive Bewertung des Mund-Nasen-Schutzes in einer Studie, die prominent publiziert wurde.
Theo Dingermann
23.06.2020  15:42 Uhr

Am 11. Juni war in den »Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS)« eine Arbeit mit dem Titel »Identifying airborne transmission as the dominant route for the spread of COVID-19« erschienen.

Darin kommen die Autoren um Renyi Zhang vom Department of Atmospheric Sciences derTexas A&M University zu dem Schluss, dass das konsequente Tragen eines Mund-/Naseschutzes für den Verlauf der Pandemie von entscheidender Bedeutung ist. Durch diese Schutzmaßnahme werde die Zahl der Infektionen erheblich reduziert, so die Autoren, unter denen sich auch der Chemie-Nobelpreisträger Mario Molina befindet, der die hohe Auszeichnung 1995 für die Erforschung der Zerstörung der Ozonschicht erhielt. Andere Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, wie das Einhalten eines ausreichend großen Abstands zu anderen Personen (Social Distancing), reichen dieser Studie zufolge alleine nicht aus, um die Bevölkerung hinreichend zu schützen.

Diesem sehr klaren Fazit der Publikation widersprechen nun Wissenschaftler um Noah Haber vom Meta-Research Innovation Center an der Stanford University energisch. Zwar räumen auch sie ein, dass das Tragen von Masken eine wichtige Rolle bei der Verlangsamung der Verbreitung von Covid-19 spiele. Allerdings zeige die Studie so eklatante Schwächen, dass derartig einseitige Schlüsse so nicht gezogen werden könnten, meinen die Kritiker.

Konkret wird beispielsweise bemängelt, dass es nicht stimme, dass die Maskenpflicht ab dem 17. April der einzige Unterschied bei den Regulierungsmaßnahmen zwischen der Metropole New York City und dem Rest der Vereinigten Staaten gewesen sei. Dies sei nachweislich falsch. Darüber hinaus enthalte die Studie auch schwerwiegende methodische Fehler, die jedes Vertrauen in die Ergebnisse untergraben.

Obwohl Masken mit ziemlicher Sicherheit eine wirksame Maßnahme des öffentlichen Gesundheitswesens seien, um die Ausbreitung von SARS-CoV-2 zu verhindern und zu verlangsamen, sind die in dieser Studie aufgestellte Behauptungen gefährlich irreführend. Die Daten und Analysen jedenfalls bilden keine belastbare Grundlage für solch weitreichende Schlussfolgerungen.

Die Kritiker beklagen die weite Verbreitung der nach ihrer Auffassung unzureichend begründeten Schlüsse in Publikumsmedien. Dies konterkariere eine kritische Diskussion hinsichtlich der Risiken, die möglicherweise mit einer Lockerung oder Aufhebung von Geboten zur Lockerung oder Aufhebung von Maßnahmen zur sozialen Distanzierung einhergehen. Daher ersuchen die Kritiker die PNAS-Redaktion, dieses Papier unverzüglich zurückzuziehen.

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