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Sterblichkeit

Covid-19 ist schlimmer als jeder Lockdown

Covid-19 verursacht schwere Krankheit und Tod, aber auch Gegenmaßnahmen wie Lockdowns haben negative Folgen für die physische und psychische Gesundheit. Sind sie womöglich schlimmer als die Pandemie? Nein, sagen Epidemiologen.
Annette Rößler
22.07.2021  15:30 Uhr

Seit Beginn der Pandemie sind weltweit mehr als 192 Millionen Menschen an Covid-19 erkrankt und mehr als 4 Millionen Menschen daran gestorben. Lockdowns, also von Regierungen angeordnete Beschränkungen des öffentlichen Lebens und der Kontakte beziehungsweise der Bewegungsfreiheit der Bürger, wurden in vielen Ländern verhängt, um die Verbreitung von SARS-CoV-2 einzudämmen und Todesfälle zu verhindern. Kritiker betonen allerdings die negativen Auswirkungen dieser einschneidenden Maßnahmen etwa auf die Wirtschaft, die Sozialstruktur, die Bildung und die psychische Gesundheit. Darüber hinaus hätten auch Lockdowns viele Todesopfer gefordert, etwa weil sie die Zugänglichkeit des Gesundheitssystems erschwert und Menschen in den Suizid getrieben hätten. Unter dem Strich sei die Behandlung in diesem Fall schädlicher als die Krankheit.

Dem widerspricht eine Gruppe um den Epidemiologen Gideon Meyerowitz-Katz von der University of Wollongong in New South Wales, Australien, jetzt in einem Meinungsbeitrag im Fachjournal »BMJ Global Health«. Zumindest kurzfristig seien Lockdowns, wo sie erfolgreich waren – also in Gegenden ohne hohe Covid-19-Fallzahlen –, im Gegensatz zur ungebremsten Verbreitung von SARS-CoV-2 nicht mit einem Anstieg der Sterblichkeit assoziiert gewesen. Dies wäre aber zu erwarten, wenn die Maßnahme an sich die Todesrate erhöhen würde. Die Autoren berufen sich bei dieser Aussage auf Angaben zur Übersterblichkeit aus 94 Ländern seit Beginn der Pandemie aus der globalen Datenbank World Mortality Dataset.

Demnach habe es etwa in Neuseeland und Australien im Jahr 2020, als beide Länder Lockdowns verhängten, aber nur niedrige Fallzahlen hatten, keinen Anstieg der Übersterblichkeit gegeben. Im Gegenteil gebe es sogar Hinweise darauf, dass Lockdowns durch die Verhinderung von Grippeinfektionen und Verkehrsunfällen die Sterblichkeit eher noch senken. In Ländern ohne nennenswerte Einschränkungen des öffentlichen Lebens wie Brasilien, Schweden, Russland und zeitweise auch Teile der USA, die hart von der Pandemie getroffen wurden, seien dagegen in diesen Phasen hohe Anstiege der Übersterblichkeit zu verzeichnen gewesen.

Eine von Kritikern vermutete erhöhte Sterblichkeit, die direkt durch Lockdowns verursacht wird, kann entweder auf einer schlechteren Erreichbarkeit des Gesundheitswesens oder einem Anstieg der Suizidrate beruhen. Das erste Argument lasse sich anhand vorhandener Daten weder be- noch entkräften, so die Autoren. Denn nicht nur Lockdowns, sondern auch die Pandemie selbst habe die Zugänglichkeit zu Gesundheitseinrichtungen erschwert. So sei einerseits medizinisches Personal aus anderen Bereichen abgezogen worden, um Covid-19-Patienten zu versorgen, andererseits hätten Menschen auch aus Furcht vor einer Infektion bei anderen Gesundheitsbeschwerden von sich aus seltener ärztliche Hilfe in Anspruch genommen. Die Zahl der Suizide habe während der Lockdowns laut mehreren Studien aus verschiedenen Ländern nicht zu-, sondern teilweise sogar eher abgenommen.

Es sei zwar unstrittig, dass die psychische Gesundheit der Bevölkerung während der Pandemie gelitten habe. Hieran seien insbesondere bei Kindern wahrscheinlich auch Lockdowns schuld. Man dürfe aber nicht vergessen, dass auch das Gefühl der Bedrohung durch die Pandemie sowie der Verlust von Angehörigen infolge von Covid-19 starke psychische Belastungen darstellten. So hätten allein in den USA 43.000 Kinder ein Elternteil und 2 Millionen Kinder mindestens ein Großelternteil infolge der Pandemie verloren.

Die Aussage ihrer Veröffentlichung laute nicht, dass Lockdowns keinen Schaden anrichten können, betonen die Autoren. Es sei aber falsch, bei der Beurteilung der negativen Folgen von einer klaren Zweiteilung zwischen Lockdown einerseits und Covid-19 andererseits auszugehen. Beides hänge zusammen. Die direkten negativen Auswirkungen von Lockdowns seien nur schwierig zu ermitteln. Sehr deutlich sei dagegen, dass von Regierungen verhängte Maßnahmen sich stark auf die Covid-19-Fall- und Todeszahlen auswirkten. Dieser Einfluss habe durch die Verbreitung der gefährlicheren Virusvarianten noch zugenommen.

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