Paul Ehrlichs Traum von einer »Zauberkugel«, die nur auf ein einziges Ziel in erkrankten Zellen wirkt, ist mit der Entdeckung von Imatinib ein Stück weit Wirklichkeit geworden. / © Getty Images/wildpixel
Die Erfolgsgeschichte der niedermolekularen Kinaseinhibitoren begann Ende der 1980er-Jahre eher schleppend. Der Onkologe Dr. Brian Druker postulierte mit Blick auf den damals gerade erst aufgeklärten Pathomechanismus der chronisch-myeloischen Leukämie (CML), dass Kinaseinhibitoren die Behandlung revolutionieren könnten. Als charakteristisch für die Erkrankung war das BCR-ABL-Fusionsgen ausgemacht worden, das die Aktivität der krankheitsauslösenden ABL-Kinase deutlich steigert. Drukers Idee war es, dieses Enzym mit einem kleinen Molekül zu hemmen.
Angesichts der Vielzahl von strukturell verwandten Tyrosinkinasen wurde allerdings bezweifelt, dass ein selektiver Inhibitor entwickelt werden kann. Die meisten Pharmafirmen hatten deshalb kein Interesse an der Entwicklung von Kinaseinhibitoren, nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen. »Es war wirklich schwer, sie davon zu überzeugen«, erinnert sich Druker in einem Artikel im Fachmagazin »Nature Reviews Drug Discovery«. Dem Onkologen gelang es aber, den Schweizer Chemie- und Pharmakonzern Ciba-Geigy (heute Novartis) als Partner zu gewinnen. Dort war die Entwicklung von Tyrosinkinase-Inhibitoren unter der Verantwortung des Biochemikers Dr. Nick Lydon bereits seit einigen Jahren im Gang. Druker testete mehrere dieser Arzneistoffkandidaten in bahnbrechenden Phase-I-Studien.
Ein Wirkstoff erwies sich in einer 1998 begonnenen Studie als besonders effektiv und führte bei praktisch allen CML-Patienten innerhalb von wenigen Wochen zu einer dramatischen Besserung der Blutbildwerte: Imatinib. Der Kinasehemmer wurde aufgrund seiner Wirksamkeit in einem stark beschleunigten Verfahren von nur zwölf Wochen im Jahr 2001 von der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA unter dem Namen Gleevec® (in Deutschland Glivec®) zugelassen. Noch im selben Jahr titelte das »Time«-Magazin: »Es gibt neue Munition im Kampf gegen Krebs. Das sind die Kugeln.«
Abbildung: FDA-Zulassungen für Kinaseinhibitoren nach Jahr und Therapiebereich
Mit Remibrutinib (Rhapsido®) wurde nun Ende 2025 in den USA der hundertste Kinaseinhibitor zugelassen. Einsatzgebiet des Brutonkinasehemmers ist die chronische spontane Urtikaria. Heutzutage werden Kinaseinhibitoren vor allem in der Onkologie verwendet, wobei in den letzten Jahren auch andere Indikationen in der Pneumologie und Dermatologie hinzugekommen sind (Abbildung). Auch wirtschaftlich betrachtet ist die Wirkstoffklasse erfolgreich. An der Spitze der umsatzstärksten Kinaseinhibitoren stand im Jahr 2024 der EGFR-Inhibitor Osimertinib (Tagrisso®), der 2015 von der FDA zur Behandlung bestimmter Lungenkarzinome zugelassen worden war.
Das menschliche Genom codiert mehr als 500 Kinasen und viele dieser Enzyme sind noch immer unerforscht. Zugelassene Kinaseinhibitoren wirken vermutlich in erster Linie durch die Hemmung von etwa 10 Prozent der Kinasen. Die niedermolekularen Substanzen wirken gegen circa 68 Prozent des Kinoms. Etwa ein Drittel des Kinoms ist bislang noch nicht medikamentös behandelt und kaum erforscht.