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Kinaseinhibitoren
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Türöffner der zielgerichteten Krebstherapie

Vor knapp 25 Jahren revolutionierte die Zulassung des Kinasehemmers Imatinib die Krebstherapie. Inzwischen wurde in den USA der hundertste Vertreter dieser Wirkstoffklasse zugelassen. Das Ende der Fahnenstange ist aber noch lange nicht erreicht.
AutorKontaktManfred Schubert-Zsilavecz
Datum 14.01.2026  18:00 Uhr

Die Erfolgsgeschichte der niedermolekularen Kinaseinhibitoren begann Ende der 1980er-Jahre eher schleppend. Der Onkologe Dr. Brian Druker postulierte mit Blick auf den damals gerade erst aufgeklärten Pathomechanismus der chronisch-myeloischen Leukämie (CML), dass Kinaseinhibitoren die Behandlung revolutionieren könnten. Als charakteristisch für die Erkrankung war das BCR-ABL-Fusionsgen ausgemacht worden, das die Aktivität der krankheitsauslösenden ABL-Kinase deutlich steigert. Drukers Idee war es, dieses Enzym mit einem kleinen Molekül zu hemmen.

Angesichts der Vielzahl von strukturell verwandten Tyrosinkinasen wurde allerdings bezweifelt, dass ein selektiver Inhibitor entwickelt werden kann. Die meisten Pharmafirmen hatten deshalb kein Interesse an der Entwicklung von Kinaseinhibitoren, nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen. »Es war wirklich schwer, sie davon zu überzeugen«, erinnert sich Druker in einem Artikel im Fachmagazin »Nature Reviews Drug Discovery«. Dem Onkologen gelang es aber, den Schweizer Chemie- und Pharmakonzern Ciba-Geigy (heute Novartis) als Partner zu gewinnen. Dort war die Entwicklung von Tyrosinkinase-Inhibitoren unter der Verantwortung des Biochemikers Dr. Nick Lydon bereits seit einigen Jahren im Gang. Druker testete mehrere dieser Arzneistoffkandidaten in bahnbrechenden Phase-I-Studien.

Kugeln gegen Krebs

Ein Wirkstoff erwies sich in einer 1998 begonnenen Studie als besonders effektiv und führte bei praktisch allen CML-Patienten innerhalb von wenigen Wochen zu einer dramatischen Besserung der Blutbildwerte: Imatinib. Der Kinasehemmer wurde aufgrund seiner Wirksamkeit in einem stark beschleunigten Verfahren von nur zwölf Wochen im Jahr 2001 von der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA unter dem Namen Gleevec® (in Deutschland Glivec®) zugelassen. Noch im selben Jahr titelte das »Time«-Magazin: »Es gibt neue Munition im Kampf gegen Krebs. Das sind die Kugeln.«

Mit Remibrutinib (Rhapsido®) wurde nun Ende 2025 in den USA der hundertste Kinaseinhibitor zugelassen. Einsatzgebiet des Brutonkinasehemmers ist die chronische spontane Urtikaria. Heutzutage werden Kinaseinhibitoren vor allem in der Onkologie verwendet, wobei in den letzten Jahren auch andere Indikationen in der Pneumologie und Dermatologie hinzugekommen sind (Abbildung). Auch wirtschaftlich betrachtet ist die Wirkstoffklasse erfolgreich. An der Spitze der umsatzstärksten Kinaseinhibitoren stand im Jahr 2024 der EGFR-Inhibitor Osimertinib (Tagrisso®), der 2015 von der FDA zur Behandlung bestimmter Lungenkarzinome zugelassen worden war.

Das menschliche Genom codiert mehr als 500 Kinasen und viele dieser Enzyme sind noch immer unerforscht. Zugelassene Kinaseinhibitoren wirken vermutlich in erster Linie durch die Hemmung von etwa 10 Prozent der Kinasen. Die niedermolekularen Substanzen wirken gegen circa 68 Prozent des Kinoms. Etwa ein Drittel des Kinoms ist bislang noch nicht medikamentös behandelt und kaum erforscht.

Kritik am Zulassungsverfahren

Ungeachtet der klinischen und wirtschaftlichen Erfolge der Kinaseinhibitoren wird die seit 1992 von der FDA geübte Praxis der beschleunigten Zulassung für Onkologika auf der Grundlage von Surrogat-Endpunktdaten zunehmend kritisch hinterfragt. Für den Pharmakologen Professor Dr. Roland Seifert von der Medizinischen Hochschule Hannover hat sich die Qualität der Daten aus klinischen Studien zu Kinaseinhibitoren über die Jahre hinweg deutlich verschlechtert, weshalb die Zahl der Wirkstoffe dieser Klasse ohne zusätzlichen klinischen Nutzen gegenüber bereits etablierten Therapien deutlich zugenommen hat.

Seifert kam zu diesem Schluss, nachdem er die Nutzenbewertungen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) systematisch ausgewertet hatte. Demnach bieten zwar 19 Prozent der in der Krebstherapie eingesetzten Kinaseinhibitoren einen erheblichen und weitere 19 Prozent einen geringen Zusatznutzen gegenüber den etablierten Vergleichstherapien, jedoch gibt es bei 50 Prozent der Kinaseinhibitoren keinen zusätzlichen klinischen Nutzen. Bei den übrigen Wirkstoffen reichten die Daten nicht aus, um den Zusatznutzen beurteilen zu können. Für Seifert sind die hohen Preise der Wirkstoffe in Verbindung mit fehlenden Daten aus aussagekräftigen klinischen Studien inakzeptabel.

Auf die zunehmende Kritik hat die FDA reagiert. In einem Leitfadenentwurf für die pharmazeutische Industrie stellte die Behörde 2025 neue Ansätze zur Bewertung des Gesamtüberlebens in onkologischen klinischen Studien vor.

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