| Christina Brunner |
| 05.11.2026 18:00 Uhr |
Körperkontakt kommt bei Trauernden nicht immer gut an. In emotionalen Situationen rät Trauerbegleiterin Susanne Pawlik zu profanen Dingen wie einem Taschentuch. / © Getty Images/PeoplesImages
PZ: Warum fällt es den meisten Menschen schwer, Trauernde anzusprechen und die richtigen Worte zu finden?
Pawlik: Tod und Trauer sowie die eigene Vergänglichkeit sind Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Wir sind es gewohnt, Probleme zu lösen und Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Bei Trauer funktioniert das nicht. Einen Verlust kann man nicht rückgängig machen, den Schmerz eines Menschen kann man ihm nicht abnehmen. Gleichzeitig spiegeln wir uns im anderen: »Was wäre, wenn mir das passiert wäre?« Das kann Ängste auslösen. Aus Selbstschutz meiden viele Menschen deshalb solche Situationen. Trauernde anzusprechen geht immer über Smalltalk hinaus. Nicht jede Situation ist dafür geeignet.
PZ: Trotzdem gibt es diese Begegnungen und Situationen in der Apotheke häufig. Wie reagiert das Apothekenteam richtig?
Pawlik: Das Beileid sollte persönlich formuliert und der Verstorbene gewürdigt werden, zum Beispiel: »Es tut mir sehr leid, dass Ihr Mann gestorben ist. Ich habe ihn in guter Erinnerung, er war immer sehr freundlich.« Es geht nicht darum, etwas besonders Kluges zu sagen. Dasein und Zuhören sind wichtiger. Mit Körperkontakt wäre ich vorsichtig. In emotionalen Situationen helfen oft profane Dinge wie ein Taschentuch oder ein Glas Wasser. Damit kommt man aus der Situation heraus und signalisiert trotzdem Fürsorge. Gut gemeinte Ratschläge sind oft wenig hilfreich.
PZ: Apothekenteams begleiten Schwerkranke und deren Angehörige oft über eine lange Zeit. Wann beginnen Trauer und Abschied?
Pawlik: Trauer beginnt nicht erst mit dem Tod, sondern weitaus früher. Trauer ist die Reaktion auf einen Verlust: den Verlust von Gesundheit, eines unbeschwerten Alltags, gemeinsamer Zukunftspläne oder eines geliebten Menschen. Elisabeth Kübler-Ross, eine Mitbegründerin der Hospizbewegung und der Sterbeforschung, beschreibt folgende Phasen: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Mit den damit verbundenen Emotionen muss man also rechnen, auch in der Apotheke.
PZ: Kann Trauer krankhaft werden und was sind die Anzeichen dafür?
Pawlik: Trauer ist eine normale und gesunde Reaktion. In der Regel wird sie mit der Zeit weniger intensiv und die Betroffenen finden in einen neuen Alltag zurück. Von einer anhaltenden Trauerstörung sprechen Fachleute, wenn die intensive Trauer länger als sechs Monate besteht, die Anpassung an die neue Lebenssituation kaum gelingt und die Betroffenen deutlich in Alltag oder Arbeit beeinträchtigt sind. Eine komplizierte anhaltende Trauerstörung betrifft nur einen geringen Prozentsatz der Trauernden. Sie ist auch als medizinische Diagnose nach dem ICD-Katalog klassifiziert.
PZ: Welche Hilfsangebote gibt es für Menschen in Abschieds- und Trauerphasen?
Pawlik: Es gibt viele Angebote, etwa Hospize, Letzte-Hilfe-Kurse, Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV), Telefonseelsorge, Trauerbegleitung oder Trauergruppen. Leider gibt es selten konsolidierte Listen mit regionalen Angeboten und Anlaufstellen. Ein tolles Serviceangebot der Apotheke könnte darin bestehen, solch eine regionale Liste für die Kunden parat zu haben.
PZ: Ist es sinnvoll, Strukturen und Prozesse für Trauerfälle in der Apotheke festzulegen?
Susanne Pawlik berät Unternehmen in Krisen. / © privat
Pawlik: Ja, das ist sehr hilfreich, vor allem wenn der Trauerfall das Team betrifft. Klare Zuständigkeiten und eine gute Vorbereitung helfen, Fürsorge und Betriebsabläufe miteinander zu verbinden. Zunächst braucht es eine klare Sprachregelung. Mit den Angehörigen muss abgestimmt werden, was intern mitgeteilt und was nach außen kommuniziert werden darf. Anschließend sollte das gesamte Team zeitnah und gleichzeitig informiert werden – unter Wahrung der Schweigepflicht. Niemand sollte wichtige Informationen als Letzter oder aus der Zeitung erfahren. Auch praktische Fragen müssen geklärt werden: Wer nimmt an der Trauerfeier teil? Ist eine Traueranzeige gewünscht? Soll es Blumen oder einen Nachruf geben? Wichtig ist, die Wünsche der Angehörigen zu berücksichtigen. Nicht jede Beerdigung ist öffentlich, und die Familie entscheidet, wer teilnehmen oder bei der Trauerfeier sprechen darf.
PZ: Wer sollte diese Aufgabe übernehmen?
Pawlik: Vieles liegt in der Verantwortung der Apothekenleitung. Doch einiges kann delegiert werden, zum Beispiel an einen Trauerbeauftragten im Team. Die Person sollte eine gewisse Resilienz mitbringen. Eine Schulung oder ein Trauerworkshop kann hilfreich sein. Wer seine eigenen Ressourcen kennt und weiß, wie er sich in schwierigen Situationen stabilisieren kann, hat mehr Sicherheit im Umgang mit trauernden Menschen.
PZ: Welche Rolle spielt die emotionale Begleitung des Teams?
Pawlik: Die Trauer sollte im Apothekenalltag einen sichtbaren und angemessenen Raum bekommen. Das kann ein Platz mit einem Foto oder einer Erinnerung an die verstorbene Person sein. Auch eine Gedenkminute oder ein Abschiedsritual können helfen. Bei besonders belastenden Todesfällen kann professionelle Trauerbegleitung sinnvoll sein – vor Ort, online oder auf Wunsch anonym.
PZ: Warum kann eine Trauerkultur für eine Apotheke auch betrieblich von Vorteil sein?
Pawlik: Trauerkultur ist Unternehmenskultur. Sie zeigt, wie ein Betrieb mit seinen Menschen umgeht, wenn sie besonders verletzlich sind. Wer Verständnis und Spielraum gibt, zum Beispiel durch vorübergehend angepasste Aufgaben, flexible Arbeitszeiten oder professionelle Unterstützung, trägt dazu bei, dass Mitarbeitende wieder in ihre Kraft zurückfinden. Gerade angesichts des Fachkräftemangels ist es sinnvoll, in diese Beziehung zu investieren.
PZ: Wo liegen die Grenzen der Fürsorge, wenn der Weg zurück in den Arbeitsalltag über lange Zeit nicht gelingt?
Pawlik: Als Arbeitgeber muss ich beides im Blick behalten: den Menschen und den Betrieb. Natürlich möchte ich Mitarbeitende in einer schwierigen Lebensphase unterstützen und ihnen die Zeit geben, die sie brauchen. Gleichzeitig müssen die Belastungen für das übrige Team im Blick bleiben. Es geht darum, individuelle Lösungen zu finden, die sowohl den Bedürfnissen der betroffenen Person als auch den Anforderungen des Betriebs gerecht werden. Das ist manchmal ein schwieriger Spagat.
PZ: Was möchten Sie Apothekenleitungen für den Umgang mit Trauer besonders ans Herz legen?
Pawlik: Trauen Sie sich, Trauer anzusprechen, und haben Sie keine Angst, etwas falsch zu machen. Es braucht keine perfekten Worte, sondern die Bereitschaft, hinzusehen, zuzuhören und da zu sein. Gleichzeitig hilft es, sich als Team auf solche Situationen vorzubereiten. Wenn Menschlichkeit und klare Strukturen zusammenkommen, entsteht Sicherheit – für Trauernde ebenso wie für diejenigen, die sie begleiten.
PZ: Sie begleiten Menschen beruflich durch diese Prozesse. Aber Sie haben auch eine ganz persönliche Erfahrung mit Verlust und darüber einen Roman geschrieben. Darin geht es um eine schwerwiegende Krankheit und schließlich um den Tod – und um das »Weiterschwimmen«. Was bedeutet das für Sie persönlich?
Pawlik: Trauer ist immer ein Blick zurück, aber auch ein Blick nach vorne. Weiterschwimmen bedeutet für mich, den Punkt zu erreichen, an dem ich das Geschehene annehmen kann, ohne zu hadern, und der Blick nach vorne wichtiger wird als der zurück. Dann können Verlust und Trauer Teil meiner Lebensgeschichte werden, eine Basis für den nächsten Lebensabschnitt, für ein glückliches Leben.
Petra Sutor: »Trauer am Arbeitsplatz«, Patmos Verlag 2026, 160 Seiten, ISBN 978-3-8436-1661-4, EU 20.
Susanne Pawlik: »Weiterschwimmen«, Schillo Verlag 2026, 168 Seiten, ISBN 978-3-944716-11-4, EU 24.