| Sven Siebenand |
| 24.08.2026 18:00 Uhr |
Stoffwechsel statt Appetit im Visier: Der Wirkstoff TOFA soll die Fettsynthese hemmen und zugleich die Fettverbrennung und den Energieverbrauch steigern. Bislang wurde der Ansatz aber nur an Mäusen untersucht – dies allerdings erfolgreich. / © Getty Images/ Kateryna Kon/Science Photo Library
Dass Inkretinmimetika wie Semaglutid und Tirzepatid den Appetit zügeln und die Nahrungsaufnahme verringern, ist mittlerweile allseits bekannt. Sie können aber auch zu Nährstoffmangel und Muskelabbau führen, was langfristig zu Gebrechlichkeit und anderen Problemen führen kann.
Forscher der University of California in Berkeley haben eine neue potenzielle Behandlungsmethode für Adipositas und Diabetes entdeckt, die nicht auf einer Einschränkung der Energiezufuhr beruht, sondern den Energieverbrauch erhöht – also den Stoffwechsel des Körpers ankurbelt.
In einer in der Fachzeitschrift »Science Advances« veröffentlichten Studie zeigen die Forscher, dass die Verbindung namens 5-Tetradecyloxy-2-furoinsäure (TOFA) in der Lage ist, die Produktion von Lipiden wie Cholesterol und Triglyceriden zu blockieren und gleichzeitig Gene zu aktivieren, die den Zellen helfen, Fett zu verbrennen und Energie zu erzeugen.
In Versuchen an Mäusen stellten die Forscher fest, dass TOFA die Insulinsensitivität und die Blutzuckerkontrolle verbessert, die Triglyceridwerte senkt und die Symptome einer Fettlebererkrankung lindert. Wenn sie übergewichtigen Tieren TOFA verabreichten, verloren diese an Fettmasse, ohne dabei nennenswerte Verluste an fettfreier Muskelmasse zu erleiden.
Das Körpergewicht lässt sich durch zwei Stellschrauben beeinflussen: aufgenommene Kalorien und Energieverbrauch. »Inkretinmimetika wirken fast ausschließlich über die erste Stellschraube, deshalb haben wir uns die zweite vorgenommen«, so Seniorautor Dr. Anders M. Näär, Professor für Stoffwechselbiologie und Ernährung von der University of California, in einer Pressemitteilung der Hochschule.
TOFA ist alles andere als eine Neuentwicklung. Die Substanz wurde bereits in den 1970er-Jahren entdeckt und gehört zur Klasse der ACC-Hemmer. ACC ist die Abkürzung für Acetyl-CoA-Carboxylasen. Es handelt sich um Enzyme des Fettstoffwechsels, die eine wichtige Rolle bei der Fettsäuresynthese spielen. ACC-Inhibitoren hemmen die Produktion von Lipiden im Körper. Obwohl mehrere ACC-Hemmer die mittlere Phase der klinischen Erprobung erreichten, wurde bisher keiner für Stoffwechselerkrankungen zugelassen. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass viele dieser Verbindungen paradoxerweise auch den Serum-Triglyceridspiegel erhöhen können. Diese Nebenwirkung ist vermutlich auf eine erhöhte Ausschüttung von Lipoproteinen sehr geringer Dichte (VLDL) und eine verminderte systemische Triglycerid-Clearance zurückzuführen.
Bei ihren Arbeiten fanden die Forscher heraus, dass TOFA aber nicht nur als ACC-Hemmer wirkt, sondern auch PPAR-α und PPAR-δ aktiviert – zelluläre Rezeptoren, die Gene einschalten, durch die Zellen Fett aufnehmen und zur Energiegewinnung verbrennen können. Bei Mäusen führte dies dazu, dass die Zellen bis zu 18 Prozent mehr Energie verbrannten, ohne dass sich die körperliche Aktivität änderte oder die Körpertemperatur anstieg. Vielleicht aufgrund dieses dualen Mechanismus erhöhte TOFA auch nicht wie andere ACC-Hemmer die Triglyceridwerte, mutmaßen die Forscher.
»TOFA scheint eine koordinierte Stoffwechselreaktion auszulösen«, sagt Erstautor Dr. Justin Y. Lee. Es blockiere nicht einfach nur die Lipidsynthese, sondern aktiviere auch Stoffwechselwege, die dem Körper helfen könnten, überschüssige Lipide und Glucose effektiver zu verarbeiten.
Interessant sind auch weitere Experimente der Forscher. Sie untersuchten darin, ob TOFA zusammen mit Inkretinmimetika eingesetzt werden könnte. Bei Mäusen stellten sie fest, dass die Kombination von TOFA mit einem Inkretinmimetikum zu stärkeren Verbesserungen hinsichtlich des Körpergewichts, der Blutzuckerkontrolle, des Insulinspiegels und der Triglyceridwerte führte als jede der beiden Behandlungen für sich allein. Laut Näär wirkte TOFA additiv oder synergistisch mit den appetitzügelnden Inkretinmimetika, weshalb er TOFA eher als Ergänzung statt als Ersatz für die etablierten Wirkstoffe sieht.
Die Forscher weisen darauf hin, dass TOFA bislang nur an Tieren untersucht wurde und Wirksamkeit sowie Sicherheit beim Menschen noch nicht getestet wurden. Sie haben nun das Unternehmen ReRx Therapeutics gegründet. Ziel sei es, die Forschung mit TOFA weiterzuentwickeln und letztlich für die Behandlung von Patienten nutzbar zu machen.