| Laura Rudolph |
| 04.09.2026 17:00 Uhr |
Ein Lipödem kann starke Schmerzen verursachen. In einer kontrollierten Studie verbesserte die Liposuktion Schmerzen und Lebensqualität besser als eine konservative Behandlung. / © Getty Images/draganab
Ein Lipödem ist eine chronische, schmerzhafte Fettverteilungsstörung, die fast ausschließlich Frauen betrifft und zu einer symmetrischen Vermehrung des Unterhautfettgewebes an Beinen oder Armen führt. Reichen konservative Behandlungsmethoden wie Lymphdrainage, Kompressionstherapie oder Bewegung nicht aus, um die Schmerzen zu lindern, kann eine operative Entfernung des überschüssigen Fettgewebes, eine Liposuktion, helfen.
Die Kosten hierfür übernehmen die Krankenkassen seit Oktober 2025 unter bestimmten Voraussetzungen, aber unabhängig vom Schweregrad des Lipödems (davor erst ab Stadium 3). Zu den Voraussetzungen zählen eine gesicherte Diagnose, mindestens sechs Monate konservative Therapie sowie bestimmte Grenzen des Körpergewichts. Seit Juli 2026 werden auch ambulante Operationen von der GKV bezahlt.
Die Entscheidung der stadienunabhängigen Kostenübernahme fußt auf Zwischenergebnissen der randomisierten, kontrollierten LIPLEG-Studie, die der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in Auftrag gegeben hatte. Sie läuft aktuell an elf Studienzentren in Deutschland und soll klären, wie gut eine zusätzliche Liposuktion im Vergleich zur konservativen Therapie gegen die Schmerzen hilft. Das Team um Erstautor Professor Dr. Maurizio Podda, der im August 2025 verstorben ist und bis dahin Direktor der Hautklinik am Klinikum Darmstadt war, publizierte die Ergebnisse der ersten zwölf Studienmonate nun im Fachjournal »The Lancet«.
An der Studie nahmen 410 Frauen mit Lipödem jeden Stadiums (1 bis 3) teil. Vor Studienbeginn hatten sie bereits bis zu sieben Monate eine konservative Therapie erhalten und stuften ihre Schmerzen an den Beinen auf der numerischen Schmerzskala (null bis zehn; höhere Werte bedeuten stärkere Schmerzen) mit mindestens vier Punkten ein. Die Teilnehmerinnen wurden randomisiert und einer von zwei Gruppen zugeordnet: 278 erhielten eine Liposuktion, 132 eine konservative Therapie (Kontrollgruppe).
Nach zwölf Monaten reduzierten sich bei 68 Prozent der Patientinnen in der Liposuktionsgruppe die Schmerzen auf der numerischen Skala um mindestens zwei Punkte. Diesen primären Endpunkt erreichten in der Kontrollgruppe dagegen nur 8 Prozent der Patientinnen. Auch sekundäre Endpunkte wie die Lebensqualität verbesserten sich nach einer operativen Fettentfernung stärker. Allerdings traten in der Interventionsgruppe bei wesentlich mehr Frauen Nebenwirkungen auf (47 Prozent versus 21 Prozent in der Kontrollgruppe). Diese wurden in der Liposuktionsgruppe bei 8 Prozent der Patientinnen und in der konservativ behandelten Gruppe bei 3 Prozent als schwerwiegend eingestuft.
Die Frauen in der Kontrollgruppe bekamen nach zwölf Monaten ebenfalls eine Liposuktion angeboten. Die Studie soll insgesamt 36 Monate laufen, um längerfristige Effekte und Sicherheit der chirurgischen Fettentfernung beim Lipödem zu untersuchen.
Unabhängige Expertinnen und Experten bewerten die Ergebnisse überwiegend positiv. »Meines Erachtens sind die Ergebnisse eindeutig«, sagt die Hamburger Lymphologin und Phlebologin Dr. Gabriele Faerber gegenüber dem Science Media Center (SMC). Die Liposuktion sei der alleinigen konservativen Therapie mit Kompression und manueller Lymphdrainage überlegen. Allerdings weist sie auf mögliche Einschränkungen der Aussagekraft hin: Für die Studie hätten sich vor allem Frauen gemeldet, die ohnehin eine Liposuktion gewünscht hätten. Zudem fehle bislang eine längerfristige Nachbeobachtung.
Auch Dr. Stefan Rapprich, Hautarzt und Phlebologe aus Bad Soden, sieht die Studienfrage klar beantwortet. Offen seien allerdings Langzeitergebnisse wie Rezidivraten oder der Bedarf an Wiederholungseingriffen. Sinnvoll sei außerdem ein »methodisch sauberer Vergleich« der vibrationsassistierten und der wasserstrahlassistierten Liposuktion. »Ebenfalls unbeantwortet bleibt, welchen Nutzen die konservative Therapie für sich genommen hat – LIPLEG hat sie nur als Vergleichsarm bei bereits konservativ austherapierten Frauen geprüft.«
Für Professor Dr. Tobias Hirsch, Leiter der Klinik für Plastische Chirurgie am Universitätsklinikum Münster und Vorstand der Lipödem-Gesellschaft, liefern die Studiendaten eine wichtige Grundlage für die Versorgung: »Aus meiner Sicht rechtfertigen die Studienergebnisse zu diesem Zeitpunkt den G-BA-Beschluss eindeutig.« Er kritisiert jedoch, dass weiterhin zu wenige Einrichtungen die Behandlung anbieten können. »Außerdem ist die Vergütung so desolat abgebildet, dass es kaum behandelnde Einrichtungen im GKV-System gibt. Das muss dringend behoben werden.«