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Umfrage zur psychischen Gesundheit

Stressfaktor Pharmaziestudium

Eine aktuelle Umfrage des Bundesverbands der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD) hat ergeben, dass nahezu alle Pharmaziestudenten das Studium als stressig empfinden. Ein Achtel leidet sogar unter einer studienbedingten psychischen Erkrankung. Der Verband schätzt diese Entwicklung als sehr bedenklich ein und sieht Handlungsbedarf.
Carolin Lang
26.05.2020  14:50 Uhr

»Mentale Gesundheit ist ein wesentlicher Faktor für effektives und nachhaltiges Lernen«, heißt es in einer Mitteilung des BPhD. Um Stressfaktoren des Studiums und des Praktischen Jahres (PJ) zu ermitteln, führte der Verband im Wintersemester 2019/20 zwei Umfragen bei Studenten und Pharmazeuten im Praktikum (PhiP) durch.

An der Umfrage zu »Mental Health im Studium« nahmen insgesamt 3.869 Studierende und 190 PhiPs teil, was ungefähr ein Drittel aller angehenden Apotheker ausmacht. Dabei waren alle 22 Pharmaziestandorte in Deutschland vertreten. 94 Prozent der Befragten empfinden das Studium als stressig. Der große Stoffumfang, ein hohes Anforderungsniveau, unvollständige und unzureichende Materialien, eine unausgeglichene Verteilung der Anforderungen über das Semester sowie mangelnde zeitliche Vereinbarkeit von Studium und Privatleben seien dabei wesentliche Stressfaktoren. Sie seien zudem gleichzeitig die Hauptgründe für das Wiederholen von Semestern.

Dagegen beeinflussen weder eine abgeschlossene Berufsausbildung noch ein Nebenjob, die Wohnsituation oder die Entfernung zur Universität den Ergebnissen zufolge das Stresslevel im Pharmaziestudium. Auch die allgemeinen Zukunftsperspektiven, das Zusammenarbeiten mit Kommilitonen sowie der Kontakt zu den Dozenten wurden nicht als Stressfaktoren bewertet.

Etwa ein Achtel der Befragten leidet eigenen Aussagen zufolge unter einer studienbedingten psychischen Erkrankung. Dieser Anteil steige mit dem Fortschreiten des Studiums weiter an. Es zeigt sich, dass die Anforderungen des Studiums viele der Befragten vor große Herausforderungen stellen. Durch den eng getakteten Stundenplan fehle den Studierenden außerdem die Zeit zum Ausgleich und zur Erholung.

Ernüchterndes Feedback

Im Durchschnitt empfehlen lediglich 8 Prozent der angehenden Pharmazeuten das Studium weiter. Mit 66,3 Prozent gab mehr als die Hälfte der Befragten an, dass sie das Studium nur jemandem mit großem Interesse an naturwissenschaftlichen Fächern empfehlen würden. 20 Prozent der Befragten empfehlen das Studium nicht weiter.

Diese Entwicklungen und Ergebnisse sieht der Verband als sehr bedenklich. Er fordert bereits seit einigen Jahren eine Verlängerung und Entzerrung des Studiums. Das Pharmaziestudium müsse den Raum für eine adäquate Vor- und Nachbereitung der Inhalte bieten, damit die Absolventen ein tiefgreifendes Verständnis sowie Fertigkeiten auf einem entsprechenden Niveau erwerben können.

Bei der Beurteilung der Ergebnisse müsse in jedem Fall berücksichtigt werden, dass eine Umfrage zum Thema »Mental Health« eher von Studierenden ausgefüllt wird, die eine Affinität zu diesem Thema haben. Das könne die Ergebnisse möglicherweise verzerren, so der BPhD.

Stress bei ersten Berufserfahrungen

Bei der zweiten Umfrage »Mental Health im PJ« wurden die Antworten von 298 Pharmazeuten im Praktikum und Jungapprobierten bei der Auswertung berücksichtigt. Die Umfrage wurde im Zeitraum von März bis Mai 2020 durchgeführt.

Den Ergebnissen zufolge empfinden die Befragten insbesondere die finanzielle Lage im PJ als stressig. So sehen viele die Vergütung vor dem Hintergrund ihres Wissensstandes häufig als nicht angemessen. Während des PJ kann die Ausbildungsvergütung stark variieren. Im Durchschnitt verdienten die Befragten, die in der pharmazeutischen Industrie ihr PJ absolvierten, am meisten.

Besonders in Ballungsräumen sei die Vergütung zum Bestreiten der Lebenshaltungskosten oftmals nicht ausreichend. Viele PhiPs wechseln während des PJ den Wohnort, was dazu führt, dass der Praxisbegleitende Unterricht (PBU) mit zusätzlichen Kosten für Anreise und Unterkunft verbunden ist.

Auch die Regelungen zu möglichen Krankheitstagen stresst die Berufseinsteiger. Teilweise müssen krankheitsbedingte Fehlzeiten während des Praktischen Jahres nachgearbeitet werden oder die Urlaubstage werden gekürzt. Einige Arbeitgeber verhalten sich jedoch kulant und lassen Krankheitstage zu, ohne dass ein Nacharbeiten erforderlich ist. Weitere Stressfaktoren im PJ seien unter anderem das neue Arbeitsumfeld, der Kontakt zu Patienten, die Vereinbarkeit von Arbeit und Freizeit sowie das Anforderungsniveau der Tätigkeiten.

BPhD sieht Handlungsbedarf

Die Arbeit an optimalen Lehr- und Lernbedingungen in der Pharmazie müsse stetig fortgesetzt werden, kommt der BPhD zum Schluss. Der Apothekerberuf sei in seiner Vielfältigkeit weiterhin attraktiv für Abiturienten und durch eine zukunftsgerichtete Anpassung der Approbationsordnung für Apotheker (AAppO) lasse sich das Pharmaziestudium modern und flexibel aufstellen.

Die Studieninhalte und deren Umfang nehmen als Folge der ständig neuen Erkenntnisse und Therapiemöglichkeiten immer weiter zu. Viele Studierende würden sich einerseits mit der Stoffmenge überfordert fühlen, andererseits vermissten sie tiefergreifende selbstständige Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten. Eine Entzerrung des Studiums sei daher aus Sicht der Studenten dringend notwendig. Durch eine zeitliche Entlastung würden Freiräume geschaffen, die sich sowohl positiv auf den Wissensstand und die Fähigkeiten als auch auf die mentale Gesundheit der Absolvierenden auswirken können.

Beim PJ bedarf es laut BPhD ebenfalls eine Flexibilisierung der Ausbildungssituation vor allem bei dem Punkten Ausbildungsvergütung und Regelungen zu Fehlzeiten.

Der BPhD empfiehlt, dass Methoden zur Stressbewältigung Teil der Einführungsveranstaltungen an allen Pharmaziestandorten werden sollten. Dies läge im allseitigen Interesse. Einige der Befragten würden solche Strategien bereits nutzen, wobei es hauptsächlich um Zeitmanagement und Optimierung des Lernsystems geht.

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