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Häufige Arzneistoffe

Steckbrief Torasemid

Der Oldie unter den Schleifendiuretika ist Furosemid. Doch die Nachfolgesubstanz Torasemid hat ihn im therapeutischen Einsatz längst überholt. Torasemid ist die Nummer 10 der am häufigsten verordneten Arzneistoffe in Deutschland und hat es damit gerade noch in die Top Ten geschafft.
Brigitte M. Gensthaler
02.09.2020  07:03 Uhr

Wofür wird Torasemid eingesetzt?

Einsatzgebiete von Torasemid sind die essenzielle Hypertonie sowie die Behandlung und Vorbeugung von kardialen Ödemen und Ergüssen infolge einer Herzinsuffizienz. In der Regel ist das Diuretikum Teil einer Kombitherapie. Hoch dosiert (bis zu 200 mg täglich) wird es eingesetzt bei Patienten mit starker Niereninsuffizienz. Ziel ist die Aufrechterhaltung einer Restdiurese, auch unter Dialyse, wenn Ödeme, Ergüsse und/oder Bluthochdruck bestehen. Die Präparate mit 200 mg Wirkstoff dürfen nur bei Patienten mit stark eingeschränkter Nierenfunktion eingesetzt werden.

In der FORTA-Liste werden Diuretika bei Herzinsuffizienz und Hypertonie eingestuft in die Kategorie B: Wirksamkeit nachgewiesen, aber mit Einschränkungen. Torasemid gehört wie andere Schleifendiuretika zu den FRID (Fall Risk Increasing Drugs), die das Sturzrisiko gerade bei älteren Patienten erhöhen.

Wie wirkt Torasemid?

Das Pyridin-Sulfonylharnstoff-Derivat Torasemid wirkt harntreibend, blutdrucksenkend und antiödematös. Die Effekte beruhen auf der Hemmung der Natrium- und Chloridrückresorption im aufsteigenden Schenkel der Henle-Schleife im Nephron der Niere. Damit steigt die renale Ausscheidung von Natrium, Kalium, Chlorid und Wasser. Die diuretische Wirkung setzt schnell ein und hält bis zu zwölf Stunden an. Torasemid ist auch dann noch effektiv, wenn andere Diuretika wie die distal wirkenden Thiazide nicht mehr ausreichen, zum Beispiel bei stark eingeschränkter Nierenfunktion.

Die blutdrucksenkende Wirkung setzt dagegen langsam in der ersten Woche ein und erreicht ihr Maximum spätestens nach etwa zwölf Wochen. Sie beruht auf einer Reduktion des peripheren Widerstands. Bei Patienten mit Herzinsuffizienz verbessert Torasemid die Arbeitsbedingungen des Herzens durch Senkung der Vor- und Nachlast und damit die Beschwerden.

Wie wird das Diuretikum dosiert?

Die Therapie beginnt meist mit 2,5 mg (Hypertonie) oder 5 mg einmal täglich morgens unabhängig von der Mahlzeit und kann bei Bedarf schrittweise auf 5 mg (Hypertonie) oder bis zu 20 mg (Herzinsuffizienz) erhöht werden. Eine Dosis über 5 mg bringt keinen zusätzlichen blutdrucksenkenden Effekt. Die Dosierungsempfehlungen gelten auch für ältere Menschen. Bei schwerer Niereninsuffizienz wird unter genauer ärztlicher Beobachtung individuell nach dem Schweregrad dosiert. Man beginnt mit 50 mg Torasemid täglich und kann bis auf 200 mg steigern.

Wann darf Torasemid nicht gegeben werden?

Die Liste der Gegenanzeigen ist lang und lässt sich gut aus der Wirkweise erklären: Nierenversagen mit Anurie, Leberkoma, Hypotonie und Hypovolämie, Elektrolytstörungen wie Hyponatriämie und Hypokaliämie, starke Miktionsstörungen, Gicht, kardiale Arrhythmien, gleichzeitige Aminoglykosid- oder Cephalosporin-Therapie sowie Niereninsuffizienz aufgrund nephrotoxischer Substanzen. Eine weitere Kontraindikation ist eine Überempfindlichkeit gegen Sulfonylharnstoffe.

Schwangere Frauen dürfen das Diuretikum nur bei zwingender Indikation in der niedrigsten wirksamen Dosis bekommen. Diuretika können nämlich die Perfusion der Plazenta und damit das intrauterine Wachstum beeinträchtigen. In der Stillzeit ist Torasemid kontraindiziert.

Welche Nebenwirkungen sind möglich?

Zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen gehören laut Fachinformationen Magen-Darm-Beschwerden wie Inappetenz, Magenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Diarrhö und Obstipation sowie Muskelkrämpfe, Kopfschmerzen, Schwindel und Müdigkeit/Schwäche. Torasemid kann zu metabolischen Nebenwirkungen wie Hyperurikämie, Hyperglykämie und Hyperlipidämie sowie zu Störungen des Wasser- und Elektrolythaushalts führen, vor allem zu Hypovolämie, Hypokaliämie und Hyponatriämie. Das Hypokaliämie-Risiko scheint unter Torasemid geringer zu sein als unter Furosemid.

Welche Wechselwirkungen sind zu beachten?

Torasemid hat ein hohes Interaktionspotenzial. Wechselwirkungen sind zum Beispiel mit Antihypertonika, nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR), Antidiabetika, und Herzglykosiden möglich. So verstärkt Torasemid die Wirkung anderer Antihypertonika, vor allem von ACE-Hemmern. NSAR wie Indometacin oder Acetylsalicylsäure können die diuretische und blutdrucksenkende Wirkung von Torasemid abschwächen. Die Kombination von ACE-Hemmer, Diuretikum und NSAR wiederum erhöht die Gefahr eines akuten Nierenversagens. Das Diuretikum kann die Wirkung von Antidiabetika vermindern. Ein durch Torasemid verursachter Kaliummangel kann die Nebenwirkungen von Herzglykosiden verstärken. Vor allem in hohen Dosen kann Torasemid die oto- und nephrotoxischen Effekte von Aminoglykosid-Antibiotika wie Kanamycin, Gentamycin oder Tobramycin und von Platin-Derivaten sowie die nephrotoxische Wirkungen von Cephalosporinen verstärken. Wichtig für psychisch kranke Menschen: Torasemid kann die Serumkonzentration von Lithium erhöhen und somit dessen (Neben-)Wirkungen verstärken.

Welche Besonderheiten hat Torasemid?

Alle Diuretikastehen auf der Verbotsliste der Welt-Antidoping-Agentur WADA und sind in und außerhalb von sportlichen Wettkämpfen verboten. Der Grund: Sie können als Maskierungsmittel zur Verschleierung von Dopingmitteln missbraucht werden. Im Bodybuilding und in Sportarten, bei denen Wettkämpfe in Gewichtsklassen ausgetragen werden, werden sie zur raschen Wasserausschwemmung und Gewichtsabnahme missbraucht.

Drei Hinweise für die Beratung

• Keine Abendgabe: Plötzlich einsetzender Harndrang in der Nacht erhöht die Sturzgefahr, vor allem bei Senioren.

• Ausreichende, angepasste Trinkmenge: Aufgrund eines reduzierten Durstgefühls trinken Senioren oft nicht genug, um den Wasserverlust auszugleichen. Die Gefahr der Dehydratation steigt.

• Auf Hypokaliämie achten: Vor allem bei kaliumarmer Ernährung, Elektrolytverlusten durch Erbrechen, Durchfall oder Abusus von Abführmitteln sowie bei chronischer Leberfunktionsstörung kann unter Torasemid eine Hypokaliämie entstehen. Diese kann lebensbedrohliche Arrhythmien auslösen.

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