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Uniklinikum Münster
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Spritzen für die Intensiv schneller und sicherer aufbereiten

In der Coronapandemie fragten sich die UKM-Apothekerinnen Dr. Nardos Hölscher und Maren Hagebeucker, wie sie helfen könnten, die Intensivstationen zu entlasten. Von ihrer im wahren Wortsinn ausgezeichneten Idee profitiert das Uniklinikum Münster nun dauerhaft.
AutorKontaktDaniela Hüttemann
Datum 19.04.2024  11:00 Uhr

Die Bilder voll ausgelasteter Intensivstationen prägten die Hochphase der Coronapandemie. Bei einer Stationsbegehung überlegten Dr. Nardos Hölscher und Maren Hagebeucker aus der Apotheke des Universitätsklinikums Münster, wie sie die Pflege dort entlasten und die Arzneimitteltherapie sicherer machen könnten – und fanden einen Ansatzpunkt bei der Zubereitung von Infusionslösungen, die über Pumpen laufen.

»Die Vielfalt der benötigten i. v.- Therapien und das Fehlen von Stabilitätsdaten bei vielen Wirkstoffen verhindern die Herstellung von Fertigspritzen für die gesamte Bandbreite der in der Intensivmedizin und Anästhesie benötigten Arzneimittel«, erklären die Klinikapothekerinnen gegenüber der PZ. Bereits 2018 habe man im UKM von der Zubereitung patientenindividuell dosierter Pumpenlösungen daher auf Standardlösungen umgestellt. Die Dosisanpassung an Körpergröße und Gewicht erfolgt über die Laufgeschwindigkeit. Ist ein Patient schwerer, läuft die Infusion schneller.

Anfertigung auf Station fehleranfällig und zeitraubend

Die Pflegekräfte auf den Intensivstationen stellten zunächst die Stamm- und Trägerlösungen von Wirkstoffen, für die keine Fertigpräparate verfügbar sind und keine chemisch-physikalischen Stabilitätsdaten nach Zubereitung vorliegen, jeden Tag frisch selbst auf Station her. Das ist jedoch fehleranfällig und zeitraubend.

Hölscher und Hagebeucker sind keine Stationsapothekerinnen, sondern arbeiten in der Parenteralia- und Zytostatikaherstellung. Sie schlugen nun vor, die Trägerlösungen mit Kochsalz oder Glucose im großen Maßstab im Reinraum der Apotheke mit der dort vorhandenen Abfüllmaschine durch speziell dafür geschulte PTA vorzuproduzieren und auf die Stationen zu liefern – als sogenannte Ready-to-Compound Spritzen (RTC).

Die Pflegekräfte müssen dann nur noch die Wirkstofflösungen nach Bedarf herstellen und ein festgelegtes Volumen über einen nun standardisierten Prozess mit den von der Apotheke bereitgestellten Trägerlösungen mischen. »Das macht es nicht nur sicherer und schneller – Müll vermeiden wir auch noch«, erklärt Hölscher.

»Wir haben dadurch weniger Verwürfe, denn wir konnten zeigen, dass die von uns hergestellten Trägerlösungen eine deutlich längere physiko-chemikalische Stabilität haben und bis zu 28 Tage gelagert werden können – und das bei Raumtemperatur, was viel Platz im Stationskühlschrank spart.« Zudem standardisierten die Apothekerinnen den Adapter und ermöglichten einen kanülenfreien Anschluss. Das erleichtert auch die Durchmischung von Träger- und Wirkstofflösung.

Parenteralia-Herstellung nun optimal ausgelastet

Und auch die Apotheke profitiert, da die Herstellung so optimal ausgelastet ist. »Wir haben es natürlich vorher durchgerechnet und kamen auf eine Win-Win-Situation«, so Hagebeucker. Durch die Optimierung und Reduzierung von Arbeitsschritten konnten so im vergangenen Jahr rund 800 Stunden Arbeitszeit am UKM eingespart werden. Wo es möglich und sinnvoll ist, wurde nun auf die RTC-Spritzen umgestellt. 27.000 solcher Spritzen lieferte die Krankenhausapotheke allein 2023 an die acht hauseigenen Intensivstationen. Derzeit sei die Apotheke mit etwa 400 bis 500 Spritzen pro Woche gut ausgelastet.

»Die Stationen sind begeistert, denn sie haben viel weniger Arbeit und sind im Notfall beim Mischen der Infusion sogar schneller«, berichtet Hölscher. Die spürbare Entlastung des Pflegepersonals (durchschnittlich 1,75 Minuten pro Spritze) schaffe mehr Zeit für die Patientenversorgung. Das überzeugte auch die Jury des Deutschen Ideenmanagement-Preises. Hagebeucker und Hölscher erhielten kürzlich den Preis in der Kategorie »Beste Idee aus Verwaltung und Dienstleistung«.

Die Jury lobte neben der Wirtschaftlichkeit auch die Anwendbarkeit in anderen Krankenhäusern sowie die besondere Zukunftsfähigkeit angesichts des Pflege-Fachkräftemangels in Deutschland. Die Apothekerinnen hatten bereits vergangenes Jahr den UKM-internen Ideenwettbewerb mit ihrem Projekt gewonnen.

»Wir Apotheker machen so vieles, was kaum bemerkt wird, daher freuen wir uns sehr über diese Anerkennung«, so Hölscher. »Wir freuen uns, mit den RTC-Spritzen eine smarte Lösung für die vielen Herausforderungen im Stationsalltag bei der Zubereitung von intravenösen Medikamenten gefunden zu haben, die unmittelbar aus der Arbeitsstation heraus entstanden ist.« Die Preisträgerinnen wollen nun die genaue Umsetzung des Konzepts auch an andere Krankenhaus(versorgende)-Apotheken weitergeben.

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