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Medizinisches Cannabis

So erkennen Apotheker einen Missbrauch

Diese Woche gibt die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) Hinweise, wie sich ein potenzieller Missbrauch Cannabis-haltiger Arzneimittel erkennen lässt. Worauf sollte das Apothekenpersonal achten?
PZ
17.01.2020  13:08 Uhr

Verfügbar sind derzeit die Präparate Sativex®, Canemes® und seit Neustem Epidyolex® sowie Rezepturarzneimittel mit Dronabinol, Nabilon, Cannabisblüten und Cannabisextrakten. Bislang wurden der AMK zwar 38 Verdachtsfälle zu unerwünschten Wirkungen gemeldet, aber noch keine Missbrauch-Verdachtsfälle. In Paragraph 17 Absatz 8 der Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) ist verankert, dass das pharmazeutische Personal einem erkennbaren Arzneimittelmissbrauch in geeigneter Weise entgegentreten muss.

Die AMK betont, dass Apotheken eine besondere Verantwortung zukommt, vor allem hinsichtlich der Vermeidung von Arzneimittelrisiken bei Cannabisblüten/-extrakten, einschließlich deren missbräuchlicher Anwendung. »Grundsätzlich erfolgt Missbrauch absichtlich, außerhalb der Zulassung und umfasst auch die Anwendung für den so genannten Freizeitgebrauch (Recreational Use)«, erklärt die AMK. Als Beispiele für einen Missbrauch nennt die AMK folgende Aspekte:

  • Feststellung geänderter/manipulierter oder (insgesamt) gefälschter Verordnungen
  • Versuche von Patienten, die Rezepturzubereitung zu beeinflussen, zum Beispiel dass die Droge unverarbeitet abgegeben werden soll
  • die nicht medizinische Nutzung des Fertig- beziehungsweise Rezepturarzneimittels – zum Beispiel eine zweifelhafte Gebrauchsanweisung oder eine der verordneten, aber nicht den pharmazeutischen Regeln entsprechende Darreichungsform (mangelnde Dosiergenauigkeit bei nicht zerkleinerter Droge)
  • Verordnung von mehreren (wohnortfernen) Ärzten, zum Beispiel im Rahmen der BtM-Dokumentation
  • die Beschaffung aus mehreren (wohnortfernen) Apotheken
  • Manipulation und/oder Reklamation von bereits abgegebenen Cannabis-haltigen Arzneimitteln, zum Beispiel Beschwerden wegen angeblicher Minderbefüllung oder Wirkungslosigkeit, inklusive mangelnder Qualität
  • striktes Beharren auf einer THC-reichen oder bestimmten Cannabis-»Sorte« (im Sinne der Handelsbezeichnung) beim Arzt oder in der Apotheke.

»Anzeichen für den Verdacht auf Missbrauch können gegebenenfalls aus der kundenbezogenen Abverkaufshistorie und der BtM-Dokumentation in Verbindung mit einem offenen, verständnisvollen Ansprechen des Patienten erhärtet oder widerlegt werden«, rät die AMK. Dem Patienten sollte dabei sachlich die Vermutung mitgeteilt werden, dass ein kritischer Arzneimittelkonsum vorliegen könnte oder vorliegt.

Die AMK gibt außerdem Tipps für das Patientengespräch. So sollten Vorwürfe, Drohungen, Ironie sowie Moralisieren vermieden werden. »Nicht immer werden ApothekerInnen einen Zugang zu dem betreffenden Menschen finden, dennoch sollte ein Informations- und Beratungsangebot unterbreitet werden«, schreibt die AMK. Im vertrauensvollen Gespräch sollte das Apothekenpersonal folgende Fragen stellen:

  • Aus welchem Grund wird das Arzneimittel angewendet?
  • Seit wann und wie wird das Arzneimittel konkret eingenommen?
  • Musste in der Vergangenheit die Dosierung erhöht werden, um weiterhin den gewünschten Effekt zu erreichen?
  • Wurde das Arzneimittel schon einmal bewusst abgesetzt, und was ist dabei passiert?

»Deuten die Patientenangaben auf einen Medikationsfehler, einen Missbrauch oder gar eine Abhängigkeit hin, so sollten individuell und abhängig vom jeweiligen Arzneimittel geeignete Lösungsmöglichkeiten – unter Beachtung der gesetzlichen Bestimmungen und des Datenschutzes – aufgezeigt werden«, rät die AMK. Bei Ablehnung von Beratungsangeboten könne die Abgabe in letzter Konsequenz verweigert werden. Einen Leitfaden zum Thema Arzneimittelmissbrauch allgemein und für spezifische Arzneimittelgruppen hat die Bundesapothekerkammer herausgegeben.

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