| Theo Dingermann |
| 18.05.2026 07:00 Uhr |
100-Jährige: Die Gründe dafür, warum Menschen in isolierten Gebieten besonders lange leben, stehen nun auf dem Prüfstand. / © Shutterstock/hecke61
Vor 25 Jahren haben der belgische Demograf Professor Dr. Michel Poulain und der italienische Arzt Dr. Giovanni Pes den Begriff »Blue Zone« geprägt. Ursprünglich war es eine Bezeichnung für 14 Bergdörfer auf Sardinien, in denen auffallend viele Hundertjährige lebten. Aus dieser demografischen Beobachtung ist über zwei Jahrzehnte lang ein globales Phänomen entstanden. Inzwischen gerät das Konzept immer mehr in die Kritik. Es gibt Skepsis an der Grundlagenforschung, eine sich verändernde Datenlage sowie das Aufkommen eines boomenden Geschäfts mit dem geschützten Markennamen Blue Zones.
Der Frage, ob die Blue Zones je wissenschaftlich belastbar waren, sind die kanadische Journalistin Shelley Wood und der amerikanische Kardiologe Professor Dr. Eric Topol nun in einem Essay im Rahmen der Reihe »First Opinion« auf der Biotech-News-Plattform »STAT« nachgegangen.
Zum Aufstieg des Konzepts hat der amerikanische Journalist Dan Buettner beigetragen. Er ist Co-Produzent und Moderator der dreifach mit dem Emmy Award ausgezeichneten Netflix-Serie »Live to 100« oder »Wie wird man 100 Jahre alt?« Buettner ließ sich nach einer National-Geographic-Titelgeschichte im Jahr 2005 den Begriff Blue Zones markenrechtlich schützen, veröffentlichte neun Bestseller und baute mit »Blue Zones LLC« ein Beratungsunternehmen auf, das er 2020 für angeblich 78 Millionen Dollar (knapp 67 Millionen Euro) an Adventist Health verkaufte.
Unter dem Label sind eine Menge Produkte auf dem Markt – von Tiefkühlgerichten über Schlafcoachings, ein 600-Millionen-Dollar-Luxusturm in Miami mit angeschlossener Schönheitschirurgie bis hin zu Direktflügen nach Sardinien. Selbst Mitbegründer Poulain kritisiert die Kommerzialisierung als Abkehr vom wissenschaftlichen Ursprung.
Der australische Biologe Dr. Saul Newman argumentierte 2019, dass administrative Fehler, Rentenbetrug und Kriegsfolgen die statistischen Ausreißer beim Altern plausibler erklärten als ein gesundheitsförderlicher Lebensstil. Sein Artikel, der den Ig-Nobelpreis erhielt, harrt nach neun Begutachtungsrunden beim Wissenschaftsjournal »BMJ Public Health« weiterhin der Veröffentlichung. Newman selbst spricht von einer geschlossenen Front der Alternsforschung. Im Juni erscheint sein Buch »Morbid: Debunking Modern Longevity Science«.
Jüngere demografische Arbeiten stützen teilweise Newmans Skepsis: Professor Dr. Luis Rosero-Bixby zeigte 2023, dass auf der Nicoya-Halbinsel nach 1930 Geborene die einstige Langlebigkeit nicht mehr erreichten. Poulain und Dr. Anne Herm dokumentierten 2024 ähnliche Brüche in Okinawa, wo zerstörte Familienregister nach dem Zweiten Weltkrieg möglicherweise zu einer Altersinflation geführt haben.
Eine noch unveröffentlichte Arbeit um Professor Dr. Jay Olshansky von der University of Illinois, an der auch Poulain und Buettner mitwirkten, kartiert den Niedergang der ursprünglichen Blue Zones, während die American Federation for Aging Research im April 2026 eine neue Konsensdefinition ankündigte.
Das Fazit der beiden Essayisten, das sie auch noch einmal in dem STAT-Podcast »First Opinion« erläutern, lautet, dass sich heute nicht mehr rekonstruieren lässt, ob die Blue Zones je in der behaupteten Reinform existierten. Plausibel bleibt, dass kleine, isolierte Inselpopulationen tatsächlich überdurchschnittlich gesund alterten.
Auf Basis des Blue-Zone-Konzepts sind eine Reihe Lebensstil-Empfehlungen entstanden, darunter pflanzenbasierte Ernährung, Bewegung im Alltag, soziale Einbindung und Stressmanagement. Alles wissenschaftlich solide unterfütterte Aspekte. Anders sieht es laut Autorenteam bei Senolytika aus – Wirkstoffe, die helfen, Zellen zu beseitigen, die bei altersbedingten Erkrankungen eine Schlüsselrolle spielen. Auch bei hyperbaren Kammern und Anti-Aging-Infusionen der milliardenschweren Longevity-Industrie handle es sich um »billige, skalierbare Lebensstilinterventionen«, heißt es.