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Coronavirus-Pandemie

Senioren und Pflegebedürftige noch besser schützen

Das Risiko schwerer Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus ist bei Älteren und chronisch Kranken besonders hoch. Doch wie kann die Gesellschaft diese Risikogruppen besonders schützen?
dpa
12.03.2020  17:12 Uhr

Angesichts der Ausbreitung des Coronavirus rücken Schutz und Hilfen für Senioren, Pflegebedürftige und Behinderte in den Blick. «Gerade Ältere, Großeltern und ihre Familien sollten ihre Gewohnheiten überdenken», sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) am Donnerstag. Dazu gehöre, den öffentlichen Nahverkehr zu meiden, persönlichen Abstand zu halten oder auf Umarmungen und Freizeitveranstaltungen mit größerer Teilnehmerzahl zu verzichten. Zugleich sollten Ältere mit ihren Sorgen nicht allein bleiben und bei Einkäufen und medizinischer Betreuung unterstützt werden. Das Robert-Koch-Institut hatte bereits am Dienstag Hinweise zur Prävention und zum Management von Erkrankungen in Alten- und Pflegeheimen auf seine Coronavirus-Website gestellt.

Die Länder erwägen auch weitere Schutzvorkehrungen für Pflege- und Altenheime. Bayerns Regierungschef Markus Söder (CSU) sagte nach einem Treffen der Ministerpräsidenten in Berlin, es müsse dringend über einen höheren Schutz für die ältere Bevölkerung nachgedacht werden. Es sei zu überlegen, ob eingeschränkte Besuchsrechte etwa für Altenheime, Klinken, Pflege- und Behinderteneinrichtungen ein Weg sein könnten. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) betonte, dass es Schutzkleidung und Tests für medizinisches Personal geben müsse. Giffey sagte, auch Bewohner von Pflegeeinrichtungen seien besonders schutzbedürftig. Pflegekräfte seien gefordert, Bewohner zu schützen. «Dazu gehört auch, sich nicht selbst zu gefährden.»

Patientenschützer werben für Nachbarschaftshilfe. «Es gilt, den alten und pflegebedürftigen Menschen von nebenan in den Blick zu nehmen», sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, der Deutschen Presse-Agentur. «Bei aller gebotener Vorsicht kann sehr viel Gutes getan werden.» So könne man Einkäufe mitbringen, Rezepte vom Arzt oder Medikamente aus der Apotheke holen. «Das sind wichtige Zeichen der Hilfsbereitschaft. Selbst wer den persönlichen Kontakt scheut, kann sich um andere kümmern.» Das reiche vom Telefonanruf beim Nachbarn oder einen persönlichen Aushang im Treppenhaus bis zu Nachrichten im Briefkasten. «Ein Einkaufszettel kann die Verbindung von Mensch zu Mensch sein.»

Die Chefin der Bundesvereinigung Lebenshilfe, Ulla Schmidt, forderte, auf Menschen mit Behinderung in besonderer Weise zu achten. «Sie haben wegen Vorerkrankungen häufig ein erhöhtes Risiko schwer zu erkranken – in den Einrichtungen, zu Hause, bei der Arbeit und in Schulen.» Bei Schließungen, zum Beispiel von Werkstätten und Schulen, müssten Assistenzkräfte wie Schulhelfer weiter bezahlt werden.

Frankreich verbietet Besuche in Altersheimen

Um das Risiko einer Infektion mit SARS-CoV-2 für Senioren zu verringern, hat Frankreich Besuche in staatlichen Altersheimen und Pflegeeinrichtungen verboten. Auch von Besuchen in privaten Einrichtungen werde abgeraten, teilte das Gesundheitsministerium am Mittwoch mit. Ausnahmen könnten die Leitungen der staatlichen Heime nur in Absprache mit den regionalen Gesundheitsbehörden machen. Diese Sondermaßnahme sei wegen der außergewöhnlichen gesundheitlichen Situation notwendig, erklärte das Ministerium.

Die Heime und Einrichtungen wurden angewiesen, den Kontakt der älteren Menschen mit ihren Angehörigen auf anderen Wegen aufrecht zu erhalten. In Frankreich waren bis Dienstagabend rund 1.790 Infektionen mit dem Coronavirus offiziell bestätigt. 33 infizierte Menschen kamen bisher ums Leben, der Großteil von ihnen war älter als 75 Jahre.

Update: Bayern hat als erstes Bundesland am Freitagmorgen eine einheitliche Lösung angekündigt: Zum Schutz älterer und kranker Menschen vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus werden die Besuchsmöglichkeiten an Bayerns Krankenhäusern stark eingeschränkt. Pro Patient sei ein Besucher pro Tag für jeweils eine Stunde angestrebt, sagte Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) am Freitag in München. Sie betonte, dass in bestimmten Situationen Besuche aus «humanitären Gründen» weiter notwendig blieben, etwa wenn Kinder in der Klinik behandelt würden oder wenn jemand im Sterben liege. Zudem wurde in Bayern der Besuch von Alten- und Pflegeheimen weitgehend untersagt.

Verzicht auf Enkelbesuche?

Der Kinder- und Jugendarztpräsident Thomas Fischbach sah am Donnerstag keine Notwendigkeit für ein Besuchsverbot bei Großeltern. «Es gibt so wenige Kinder, die an Corona erkrankt sind, dass ich so eine pauschale Forderung für übertrieben halte», sagte Fischbach der «Neuen Osnabrücker Zeitung» vom Donnerstag.

Der Direktor des Instituts für Virologie an der Charité, Professor Dr. Christian Drosten, hatte dagegen vor einigen Tagen in einem NDR-Podcast gesagt, man könne ältere Menschen schützen, indem Kinder für eine Zeit nicht zu Oma und Opa zur Betreuung kämen. Großeltern gehörten aufgrund von Alter oder Vorerkrankungen zwar oft zur Risikogruppe, betonte auch Fischbach. Aber: «Es würde wohl ausreichen, die Kinder zu bitten, nicht mit Oma oder Opa zu kuscheln und sich oft die Hände zu waschen.»

In vielen Familien unterstützten Großeltern arbeitende Eltern bei der Kinderbetreuung, sagte der Kinder- und Jugendarzt. «Hier sollten wir Maß und Mitte im Auge behalten. Klar ist: Wenn die Kinder krank sind, bitte nicht zu Oma oder Opa schicken.»

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